Die Ergebnislosigkeit der Februar- und Mai-Verhandlungen zwischen Bern und Frankfurt und der seit dem 1. Mai im Zahlungsverkehr der beiden Länder bestehende vertraglose Zustand ließ nicht erwarten, daß die am 22. August in Bern aufgenommenen erneuten Verhandlungen so schnell zu einem günstigen Ergebnis führen würden. Die Bedeutung, die man den Verband-, lungen in der Schweiz beilegte, war durchaus verständlich. Schließlich stellte der vertraglose Zustand, der nun schon Monate hindurch anhielt, eine Unmöglichkeit dar, wenn man sich erinnert, daß Deutschland vor dem Krieg sowohl als Lieferant wie als Abnehmer der Schweiz an erster Stelle stand.

Mit dem am 27. August in Bern unterzeichneten deutsch-schweizerischen Warenabkommen ist in einer Zeit, in der sehr viel über die Lockerung der internationalen Handelsschranken gesprochen wird, von Westdeutschland und der Schweiz ein Vertrag geschlossen worden, der bisher ohne Beispiel ist und der den ernsthaften Versuch einer betont liberalen Handelspolitik darstellt. Schweizerische Wirtschaftskreise haben ihn mit Genugtuung aufgenommen; sie sehen in dem Vertrag einen ersten Schritt zur Förderung des freien Warenaustausches. Ihre Hauptforderungen konnten mit dem neuen Abkommen durchaus erfüllt werden. Leider blieben die Fragen der sogenannten "unsichtbaren Exporte" und der Wiederaufnahme des Reiseverkehrs noch ungelöst.

Das Warenabkommen, das am 1. September für ein Jahr in Kraft getreten ist, sieht die Freigabe von 4,8 Mill. $ für jeweils vier Wochen als Mindestsumme auf jeder Seite vor. Bei Überzeichnungen ist mit erhöhten Eingaben durch die JEIA zu rechnen, während nicht in Anspruch genommene Restbeträge in die nächste Periode übernommen werden können. Da weder bestimmte Kontingente noch bestimmte Warenarten (abgesehen von landwirtschaftlichen Erzeugnissen) vorgeschrieben sind, wird sich der künftige deutsch-schweizerische Handel abseits der bisher üblichen starren Formen des Handelsverkehrs entwickeln können. Das gilt auch für das Zahlungsabkommen, das noch der Genehmigung des schweizerischen Bundesrates und der drei Hohen Kommissare bedarf. Es führt – erstmalig nach dem Kriege – wieder das bekannte Zweikonten-System ein, das dem deutschen Exporteur die Fakturierung seiner Waren in D-Mark erlaubt.

Man hat aber bei der Beratung dieser neuen Abkommen die ohne Zweifel zu erwartenden Anlaufschwierigkeiten nicht außer acht gelassen. Sollten sie ein nennenswertes Gewicht erhalten, wird man sich zu ihrer Klärung am 15. Dezember in Frankfurt zusammensetzen. Wir sind davon überzeugt, daß auch Schwierigkeiten ohne besondere Umstände überwunden werden können.

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