Von unserem Londoner Korrespondenten

E. S., London, im September.

Dem britischen Arbeiter geht es heute besser denn je – und das ist gut so. Denn er hatte bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges manchen Grund zum Klagen: Man versuchte ihm einzureden, daß es "strukturell unvermeidlich" sei, wenn ständig mindestens zehn Prozent der werktätigen Bevölkerung arbeitslos seien, und wurde er arbeitslos oder krank, so behandelte man ihn, als ob er sich bewußt schuldig gemacht hätte.

Mit der gewaltigen Anspannung nach Dünkirchen, mit der Lebensmittelrationierung und mit dem Beveridge-Plan setzte die große Wende ein. Die Vollbeschäftigung, die gleichmäßige Verteilung aller unentbehrlichen Güter (zu Preisen, die für jedermann erschwinglich sind) und schließlich die soziale Sicherheit mit ihrem allerdings recht kostspieligen Glanzstück, der freien Gesundheitspflege, haben die Lage des britischen Arbeiters fast revolutionär verändert.

Doch wie sich das mit Lorbeeren manchmal verhält: man schläft auf ihnen ein. So ausgiebig ist das Nickerchen, daß zwischen Erwachen und Feierabend kaum noch viel Zeit bleibt, an die Arbeit zu denken. Die Dollarkrise im Westen bedroht wegen zu hoher Kosten. den britischen Absatz, was früher oder später an der Vollbeschäftigung nagen muß. Aber die Dollarkrise wurde auf dem britischen Gewerkschaftskongreß in der vergangenen Woche nur beiläufig von Ministerpräsident Attlee berührt. Und der Kommunismus, eine Gefahr, die zahlreichen Gewerkschaftsbeamten einen Schreck in die Glieder jagt, wurde mit einem Pamphlet erledigt, das vor dieser Gefahr warnt und mit überwältigender Mehrheit gebilligt wurde. Es hat nicht an Reden gefehlt in Bridlington, wo sich die Delegierten von acht Millionen Gewerkschaftlern trafen. Aber der Inhalt? "Es war der langweiligste Gewerkschaftskongreß seit Menschengedenken." Diese Stimme aus einem arbeiterfreundlichen britischen Munde ist ein recht vernichtendes Urteil Es kann danach nicht verwundern, daß die britischen Kommunisten sich auf dem Kongreß kaum gerührt haben. Es war, als ob Moskaus Wachthabende die Parole ausgegeben hätten: "Der Kongreß schläft – nicht stören!" Es soll damit nicht gesagt sein, daß es den Kommunisten gelungen sei, die britische Arbeiterschaft oder auch nur die Gewerkschaftsführung in Sicherheit zu wiegen.

Ganz ähnlich ist die Haltung zur Lohnpolitik. Zwar hat man im Verhältnis 6 : 1 die offizielle Linie des Gewerkschaftsrates gebilligt, die Lohnstoppolitik der Labourregierung zu unterstützen. Im Vorjahre war das Stimmverhältnis 5 : 2 gewesen, so daß man auf gewachsene Weisheit schließen könnte. Doch es war ein – übrigens erst nach heftigem Druck auf mächtige Kritiker zustande gekommenes – Lippenbekenntnis, hinter dem die Hoffnung auf möglichst viele Ausnahmen von der Regel stand. Und als Attlee an das Gewissen appellierte, als er "automatische Lohnerhöhungen für besser bezahlte Berufsgruppen bei sozial notwendig gewordenen Aufbesserungen für die untersten Einkommensstufen" nicht nur als schlechte Wirtschaftspolitik, sondern auch als unmoralisch geißelte, da murrten die Vertreter der Facharbeiter. In einem Augenblick, in dem die Pfundabwertung – und die notwendigerweise damit verbundene Verschlechterung der britischen Lebenshaltung – in bedrohliche Nähe gerückt ist, wirkt diese mürrische Haltung in Bridlington und die innere Opposition gegen jeden aktiven Beitrag von selten der Gewerkschaften zur Überwindung der Dollarkrise recht unbefriedigend.

Die Labourregierung hätte auf den Gesichtern, der Kongreßteilnehmer wenigstens ein dankbares Lächeln erwarten können. Statt dessen zeigte sich lähmende Furcht vor Moskau und trotzige Oppostion gegen die Beteiligung an einer nationalen Anstrengung. Dabei wirkt der einzelne Arbeiter in England, auf Herz und Nieren befragt, zufrieden genug. Also dürfte in der Gewerkschaftsregie etwas nicht stimmen ...