In memoriam Richard Strauß / Von josef Marein

Richard Strauß ist, 85 Jahre alt, in seiner Villa zu Garmisch gestorben.

Er hatte zwei Götter: Wagner, der ihn den Klangrausch des großenromantischen Orchesters zu entfesseln lehrte, und Mozart, der ihm ein Lehrmeister darin war, auch im Pathos noch voller Grazie zu sein und noch in der Trauer ein Lächeln erblühen zu lassen. Wagners "Tristan" war ihm Vollendung aller musikalischen Möglichkeiten schlechthin, Inbegriff der denkbar höchsten Kunst, und gefragt, welche Oper er am liebsten dirigiere, nannte er Mozarts "Die Entführung aus dem Serail" Sein Zeitgenosse Reger hatte den Genien Wagners und Bachs gehuldigt. In diesem Sinne ist der dritte große zeitgenössische Komponist, nämlich Hans Pfitzner, freilich in stärkerem Maße ein Eigener gewesen. Ihm, dem Antipoden, starb nun jener Meister nach, der weitaus größeren Ruhm genoß –: Richard Strauß. Wir Deutschen haben einen Tondichter verloren, dessen Name bei Millionen Menschen in aller Welt die höchste Geltung besaß.

Welch kühner Aufstieg! Blutjung war er, als Hans von Bülow ihn als Musikdirektor nach Meiningen zog, wo die Arbeit mit dem damals wohl besten deutschen Orchester seinen Klangsinn schärfte und ihm die Farbenpalette seiner raffinierten Instrumentationskunst enorm bereicherte. Ein echter Bayer – Münchner Kind – gab er sich gern vital. Er zog gern volle Register, und zehn Jahre nach der Jahrhundertwende waren es immer noch seine ersten symphonischen Dichtungen "Tod und Verklärung", "Don Juan" und "Till Eulenspiegel", denen man den ersten Preis seines reichen Schaffens zuerkannte –: helle Fanfaren in der müden Stimmung des Ein de stiècle. Bald aber hieß es, er entfremde seine Freunde. Strauß habe sich – so hieß es – der

auß / Von Josef Marein

"ultraextremen Moderne" verschrieben, der "Sensationsmacherei radikalen Neutönertums". Heute wissen wir, daß seine Opern "Salome" und "Elektra" zwar Kühnheiten enthalten, die von der nachfolgenden Komponistengeneration kaum überboten wurden, daß es jedoch meisterlich gekonnte Wagnisse der Technik, nicht des Geistes waren. Richard Strauß war der letzte deutsche Tondichter von Weltgeltung und blieb es. Er war wohl unter denen, die das Tor zum Land der Neuen Musik aufstießen, aber er trat nicht ein. Glückskind, das er war und blieb, sah er den Geisteskämpfen teilnahmsvoll zu, aber er litt nicht mit, er stand über ihnen. Und welch ein Glück für ihn, daß er, der Dichter in Tönen, den Freund Hofmannsthal, den Musiker in Worten, fand. Welch Glück füruns alle, denn ihre gemeinsamen Werke – vor allem der unbeschwerte, von traumhafter Schönheit durchglühte "Rosenkavalier" – sind allgemeiner Besitz geworden und werden es bleiben,

Seine Werke alterten nicht, obwohl in der Musik wie in allen Künsten eine neue Welt sich auf getan; ihr Schöpfer alterte, so schien es, ebensowenig wie sie. Und wie mühelos sein Können, wie schöpferisch seine Phantasie, wie genial seine Handschrift geblieben war, zeigte sich zuletzt in den schönen, von der Klarheit und Reinheit letzter Reife geprägtes Melodien jenes liebenswürdig-unschuldigen Oboen Werkes, das er nach dem letzten Kriege einem jungen Enthusiasten in der Uniform der amerikanischen Armee dedizierte.

Richard Strauß, der musikalische Meister seiner Epoche, hat keine Nachfolge erlebt; sein Werk wird auch zukünftig keine Nachfolge haben. Äußerung eines wahrhaft Genialen wird das meiste seiner Musik bleiben als farbiger Abglanz eines Lebens in einer Zeit, da Schönheit noch trunken machte und Glück noch verschwenderisch.