Seit Jahren erscheint der Name Titos in den Schlagzeilen der Weltpresse: 1943 – Tito als erfolgreichster Partisanenführer des Krieges, dann 1945 als Liquidator der Dynastie Karadjordjewitsch, 1947 wieder als potentieller Gründer der Balkanföderation und schließlich 1948/49 als Meuterer gegen Stalin und den Kominform jenseitsdes Eisernen Vorhangs. Dieser kroatische Bauernsohn hat, wie auf anderen Gebieten, so Doch auf dem der Politik ein anscheinend unerschöpfliches Temperament. Allein Temperament genügt nicht, um all die Situationen zu schaffen und zu meistern, in denen Tito sich seit Jahren, und gewiß nicht ohne Erfolg, bewegt. Es gehört mehr dazu, nämlich ein überlegener, messerscharfer Intellekt, und der – so möchte man glauben – wird von anderer Seite beigesteuert.

Aber wer ist es nun eigentlich, der die jederzeit so sensationelle Belgrader Politik steuert, der die Ratschläge gibt? Wer ist der Mann, der hinter Tito steht? Der slowenische Lehrer Kardelj, heute Außenminister, ein klarer, aber äußerst trockener Theoretiker? Der serbische Draufgänger Rankowitsch, jetzt Innenminister, der heute mit der gleichen Lust die Kominformanhänger schindet und hängt, wie er früher die sogenannten Reaktionäre geschunden und gehängt hat? Der begabte montenegrinische Dichter Djilas, seines Amtes Propagandachef, der in seiner Moskauer Trainingszeit ein besonderer Liebling Stalins war, aber in seinen Proklamationen und Reden eigentlich noch nie politisches Konzept gezeigt hat? Alle drei spielen wichtige Rollen und – sind heute neben Tito die hauptsächlichen Angriffsziele der Moskauer Prawda. Der Mann aber, der in Wirklichkeit die Titosche Politik entwirft und intellektuell leitet, ist ein anderer, der keine Ministerwürden trägt, sondern sich mit der Stellung eines Vizepräsidenten des Volksrates und Mitgliedes des Politbüros zufrieden gibt. In Belgrad nennt man ihn kurzweg Moscha.

Moscha Pijade, Ende der Fünfzig, aus einer der besten spaniolischen Familien Serbiens stammend, war einer jener Intellektuellen, die vor lauter Talenten nicht wissen, was sie mit sich anfangen sollen. Als Maler war er so begabt, daß 1940 noch eines seiner Bilder in dem berühmten Museum des Prinzen Paul hing, während er selbst schon seit einem Jahrzehnt im Zuchthaus saß. Die Zeit der Gründung Jugoslawiens nach dem ersten Weltkrieg sah ihn als Journalisten bei der Zeitung Slobodna Retsch (Freies Wort), als Generalsekretär der jugoslawischen Journalistenvereinigung und als hintergründigen politischen Mittelsmann von sehr weit linksgerichteten Tendenzen. Die Kommunisten hatten damals zum erstenmal eine große Zeit in Belgrad: mehr als 50 von ihnen saßen in der verfassunggebenden Nationalversammlung. Als aber 1921 der Innenminister von Kommunisten ermordet wurde, war dies das Signal zu einer allgemeinen Kommunistenjagd, der nicht nur die Parlamentssitze, sondern die ganze Parteiorganisation und eine sehr große Zahl von Funktionären und Agitatoren zum Opfer fielen. Wie lange sich Moscha damals behaupten konnte oder ob er überhaupt erst in der Illegalität kommunistischer Funktionär geworden ist, läßt sich nicht mehr genau feststellen. Jedenfalls findet man ihn einige Jahre später im Zuchthaus von Sremska Mitrowitza wieder, wo er eine zwölfjährige Strafe wegen Verstoß gegen das Kommunistengesetz, Hochverrats und so weiter verbüßt. In diesem Zuchthaus übersetzte er "Das Kapital" von Karl Marx und diese erste serbische Übersetzung erschien unter dem Pseudonym M. Popowitsch im Belgrader Verlag Geza Kon, während der Autor noch im Gefängnis saß. Es stellte sich später heraus, das Moscha in diesem Zuchthaus eine ganze Generation von Kommunisten theoretisch schulte und ihr alles auf den Weg mitgab, was sie sonst gewöhnlich nur in den Moskauer Agitatorenschulen lernen kann. Dadurch gewann er sich eine kleine Gruppe von Männern, die für russische Parolen wenig anfällig ist und ein starkes eigenes Selbstbewußtsein hat. Wahrscheinlich steckt in ihr ein wesentliches Element der späteren Entwicklung in Jugoslawien.

Nach Verbüßung seiner Strafe wurde Pijade nicht entlassen, jedoch bald darauf befreit, als im April 1941 beim Herannahen oder nach dem Eintreffen der deutschen Truppen die Gefängnistore geöffnet wurden. Moscha ging nach Belgrad, begab sich aber kurz darauf in das klassische Rückzugsgebiet der Serben, nach Südwesten, in die Berge des Sandschak und Montenegros nördlich der albanischen Grenze. Als der deutsch-russische Krieg anfing, begann er – zunächst unter falschem Namen – Anhänger zu sammeln, und schon am 13. Juli 1941 schlug er in dem Städtchen Kolaschin los. Er ist es, und nicht Tito, der den kommunistischen Aufstand begonnen hat. Freilich richtete sich dieser Aufstand nicht gegen die Deutschen – die waren ja gar nicht da und kümmerten sich wenig um die abgelegenen Bergnester in Montenegro. Es war vielmehr ein Aufstand gegen die Bourgeoisie, wenn man in Kolaschin von so etwas sprechen kann, der aber darum nicht weniger blutig verlief. Das Städtchen ist unter den Montenegrinern durch seinen "Pasje groblje", den Hundefriedhof, bekannt geworden. Das war der Platz, wo Moscha die Exekutierten hinbringen ließ und wo sie die Hunde fraßen, weil sie nicht begraben wurden. Erst einige Monate später, im Herbst 1941, rief Tito seine "Republik von Uschitze" an der serbisch-bosnischen Grenze aus, die von deutschen Truppen schnell beseitigt wurde. Im Sandschak und in Montenegro haben sich Tito und Pijade dann Anfang 1942 vereinigt.

Moscha spielte schon im Bürgerkrieg eine stets wachsende politische Rolle. Bei der Gründung des kommunistischen Staates, die bereits stattfand, als in Belgrad noch deutsche Truppen standen, führte er das Wort und verwirklichte offenbar mit dieser Gründung seine eigenen Entwürfe. Die propagandistische und politische Aktion gegen die Dynastie hat er – damals noch mit voller Unterstützung durch die Sowjetunion – offenbar selber geleitet. Wenn es etwas Wichtiges zu sagen gibt, schreibt er auch heute noch in der Belgrader Borba.

Es ist keine Frage, daß Moscha Pijade auch in dem Konflikt mit Stalin eine bedeutsame Rolle spielt. So skeptisch viele Kommunisten – und Nichtkommunisten – auch waren, als Tito sich auf eine-Auseinandersetzung mit der allmächtigen Sowjetunion einließ: als sie feststellten, daß Moscha in dem Konflikt auf der Seite Titos blieb, gewannen sie Zuversicht. Moscha ist klug, sagen sie, er würde das Spiel nicht mitmachen, wenn es aussichtslos wäre.

Aber auch wir können von der Haltung Pijades in dem Stalin-Tito-Konflikt etwas lernen: Ohne Zweifel hat man in Belgrad seit Jahren viel bessere Informationen über Entwicklung, Kraft und Möglichkeiten des bolschewistischen Regimes als diesseits des Eisernen Vorhangs. Diese Möglichkeiten müssen nach Auffassung Titos und Pijades in der Tat begrenzt sein, wenn man die Haltung dieser Männer nicht als reine Frivolität ansehen will. H. A.