Von E. W. Eschmann

Kriege und Weltkatastrophen haben die Fortdauer der geistigen Sammelarbeit, die sich seit sechzehn Jahren mit dem Begriff "Eranos" verbindet, wohl zu erschweren, aber nicht zu hindern vermocht. Vortragende und Hörer aus den kriegführenden Ländern konnten einige Zeit nicht erscheinen; aber diese merkwürdigste aller Tagungen wurde Jahr für Jahr durchgehalten, bis sie in diesem Jahr durch die Wiederbeteiligung deutscher Gelehrter ihre volle Internationalität zurückgewann. Merkwürdig nennen wir diese Tagung, weil sie so gar nicht dem gewöhnlichen Bild internationaler Vortragswochen entspricht. Die Zuhörer sind wenige und werden als Gäste geladen. Auf der anderen Seite bieten die zehn oder zwölf Dozenten, welche jeweils in dem schönen, unterhalb der Straße Ascona–Brissago wenige Meter über dem Lago Maggiore gelegenen Vortragshaus sprechen, die Ergebnisse ganzer Jahre voll Forschung und Deutung in einigen überaus konzentrierten Vorlesungen dar. So entstellt eine Atmosphäre der Spannung und Dichtigkeit, die vielleicht gar nicht länger zu ertragen wäre als eben diese neun Tage. Sie wird gesteigert durch die Tatsache, daß Forscher aus den verschiedensten Ländern – in diesem Jahr sind es England, Amerika, Deutschland, Ungarn, die Schweiz, Holland, Palästina und Frankreich – und aus verschiedenen Konfessionen und Weltanschauungen sich doch immer mit demselben und einzigen Gegenstand beschäftigen: dem Verhältnis des Menschen zur Wirklichkeit; Wirklichkeit hier im tiefsten Sinne genommen: als das, was den Menschen von außen als objektive Macht der Religion und des Mythus umgibt und was sich innen, in seiner Seele, bewußt und unbewußt, als individuelle und transzendente Gewalt regt.

Seit mit C. G. Jung, dem Heidelberger, später nach Amerika vertriebenen Indologen Heinrich Zimmer und dem kürzlich verstorbenen früheren Leiter des Frankfurter Chinainstitutes Erwin Rousselle als ersten Vortragenden der "Eranos" begann und der Marburger Religionshistoriker Rudolf Otto der Tagung den Namen gab – Eranos heißt zu deutsch "Picknick" – ist diese jährliche Veranstaltung bei den Tiefenpsychologen, den Religionsforschern, den Ethnologen, den Mythologen zu einem festen Beziehungspunkt geworden. Gründung und Bestand verdankt sie einer einzelnen Frau, der Holländerin Olga Fröbe-Kapteyn, die mit einer bewunderungswürdigen Vereinigung von östlicher Geduld und westlicher Energie diese Zusammenkünfte ordnet und durchführt. Seinen besonderen Hintergrund aber erhält der Eranos durch die stete Beziehung zu C. G. Jung, dessen große Gestalt, auch wenn er wie in den letzten Jahren aus gesundheitlichen Gründen nicht selbst teilnimmt, die Tagung doch überschattet.

Wenn der diesjährige Eranos unter dem Titel: "Der Mensch und die mythische Welt" stand, so ging es eben nicht nur darum, die mythische Welt der Antike, der Indianer, der Südseeinsulaner, des Islam, der Germanen, der jüdischen Kabala in zusammenfassenden Darstellungen oder erhellenden Einzeleinblicken zu zeigen, sondern gleicherweise, wie sich der Mensch mit dieser immer vorhandenen, ebenso in ihm wie außer ihm wirkenden Welt abfindet. Welche Hilfen gibt sie ihm, welche Pflichten hat er ihr gegenüber, aber auch welche Gefahren drohen ihm von dort?

Wie immer teilten sich auch die Vorträge dieses Eranos in solche, die auf der Grundlage des wissenschaftlich Erarbeiteten in den Bereich verpflichtender Deutung vorstießen, und in eine andere Gruppe, die mehr Bausteine zu einer solchen Deutung lieferte. Zu dieser gehörten die Vorlesungen von Julius Baum, Stuttgart, über mythologische Darstellungen in der skandinavischen Kunst, von E. O. James, London, über "Tod und Wiedergeburt in der Sakralgemeinschaft der Primitiven" und eine aus vierzigjähriger Beschäftigung und jahrelangem Zusammenleben mit den betreffenden Stämmen ungemein materialreich gewordene von Paul Radin, Berkeley, über die "Hauptmythen der nordamerikanischen Indianer". Wenn der kalifornische Professor mit angelsächsischem Humor von der Anschauung seiner roten Freunde erzählte, daß an sich niemand Recht auf Leben habe, wenn er aber einmal lebe, Recht auf Nahrung und "Selbstgestaltung", so fand dies bei den Zuhörern auf Grund der letzten Erfahrungen der Menschheit ein melancholisch-lächelndes Echo.

Aufschlußreich und erregend waren dann die Ausführungen van der Leeuws, Groningen, über "Urzeit und Endzeit". Urzeit ist nicht "Frühzeit", also etwas lediglich historisch Vorangegangenes, sondern Urzeit ist immer, ist die

hinter und doch zugleich innerhalb der Zeit liegende Schicht, in welcher der Mythos als eine ewige Gegenwart lebt. Der jüdisch-christliche Mythos vom Sündenfall etwa ist kein historisches Ereignis. Er ist nie und stets. Immer wird, nach dem Wort von Chesterton, "ein Apfel gegessen und die Hoffnung auf Gott ist verloren". Die "Endzeit" dagegen ist auch die Aufhebung der Urzeit durch die von Gott erwartete Aufhebung der Geschichte überhaupt, zu der die Urzeit wiederum, wenn auch als ein beharrendes Element, gehört.