Die Haupteinfallstore der griechischen Aufständischen, die Pässe Starias und Baroukas, die von Albanien nach Nordgriechenland führen und die von den Kommunisten kurzerhand: "Boulevard nach Athen" genannt wurden, sind Zu Einbahnstraßen geworden, auf denen die Reste der Aufständischen gen Norden flüchten. Noch im vorigen Jahr schätzte General van Fleet, der amerikanische Befehlshaber, die kommunistischen Kräfte in Griechenland selbst auf 30 000 und die Reserve in den angrenzenden Satellitenstaaten auf ebenfalls 30 000 Mann. Nach Abschluß der großen Offensive der Regierungstruppen rechnet man jetzt nurmehr mit 5000 Aufständischen auf griechischem Boden, die in kleinen unbedeutenden Splittergruppen über das Land verteilt, in ihrer Mehrzahl aber im Osten des Landes an der bulgarischen Grenze versammelt sind. Die Hauptbollwerke der Kommunisten, das Grammosgebirge an der albanischen Grenze und das Vitsigebiet, südlich der Dreiländerecke, an der Albanien, Jugoslawien und Griechenland aneinanderstoßen, sind in zwei großen, je fünf Tage dauernden Schlachten zerschlagen worden.

Fünf Divisionen kämpften gegen 7000 bis 8000 Kommunisten in einem der unzugänglichsten Gebiete Europas – zum Teil auf über 2000 Meter Höhe. Die technische Ausrüstung war auf beiden Seiten wesentlich besser als im Vorjahr. Wenn aber die Regierungstruppen im Gegensatz zum Vorjahr diesmal einen vollen Erfolg erzielten, so war dies keineswegs nur dem Einsatz der neugelieferten fünfzig amerikanischen Sturzbomber zu danken, sondern einer ganzen Reihe von Umständen. In den Berichten des griechischen Generalstabs, der Balkankommission und der US-Beobachter werden übereinstimmend, neben den Auswirkungen der amerikanischen Hilfsaktion, die Schließung der jugoslawischen Grenze und die Strategie des neuen Oberbefehlshabers Papagos als Hauptmomente für die Besserung der Lage angesehen. In planmäßigen militärischen Aktionen war während des Sommers Mittelgriechenland und der Pelepones gesäubert worden, ehe der Sturm auf die kommunistischen Pässe im Norden begann, der im vorigen Jahr erfolglos blieb, weil die Regierungstruppen immer wieder von ihrem Nachschub abgeschnitten wurden. Jetzt ist in Mittelgriechenland und auf dem Pelepones seit Jahren zum ersten Male die Ordnung soweit wiederhergestellt, daß die Wirtschaft wieder in Gang kommt. Zum ersten Male seit Jahren fahren die Eisenbahnzüge wieder bis Saloniki und von den 700 000 Flüchtlingen sind etwa ein Drittel wieder in ihre von den Partisanen gesäuberten Heimatgebiete zurückgekehrt.

Dies alles wird gewiß dazu beitragen, in Griechenland eine zuversichtlichere Stimmung zu schaffen, aber die Schwierigkeiten, vor die dieses schwer geprüfte Land gestellt ist, sind damit noch keineswegs bewältigt. Ein großer Bericht des griechischen Generalstabs vom Juli dieses Jahres gibt an, daß die Verluste des dreijährigen Bürgerkrieges achtmal größer sind als die des ersten Weltkrieges und etwa gleich denen, die Griechenland während der beiden Balkankriege erlitten hat. Zahllose Gebäude, Eisenbahnbrücken, Aquädukte und ganze Dörfer sind zerstört – nachdem Wie deutsche und italienische Besetzung während des Krieges bereits zahlreiche Trümmer hinterlassen hatte. Noch vor wenigen Monaten lebten 10 v. H. der sieben Millionen Einwohner als Flüchtlinge und diejenigen, die jetzt heimkehrten, haben nur in den seltensten Fällen ihre alten Wohnungen unversehrt vorgefunden.

Die eigentlich entscheidende Frage für die Zukunft des Landes ist aber der griechischen Einwirkungsmöglichkeit völlig entzogen. Es ist die Frage, ob der Kreml die Aufständischen weiter unterstützen will, oder ob – wofür gewisse Ansuchen. sprechen – sein Interesse sich so ausschließlich dem Kampf gegen Tito zuwendet, daß Griechenland zunächst einmal in Ruhe gelassen wird. Alle Nachrichten, die aus Albanien kommen, geben ein so katastrophales Bild von der wirtschaftlichen Lage dieses Landes, daß kaum anzunehmen ist, Albanien werde ohne höheren Befehl von sich aus die griechischen Aufständischen weiter unterstützen.

Ändert der Kreml seine Politik aber nicht, so dürfte der Erfolg der großen Regierungsoffensive nicht von erheblicher Dauer sein, denn es ist unmöglich, die langen, unübersichtlichen Berggrenzen im Norden vollkommen abzudichten. Die Aufständischen haben bereits damit gedroht, in Zukunft wieder zu dem bewährten Markos’schen Prinzip zurückzukehren: einzelne Sabotagetrupps und Guerillakämpfer einzuschleusen an Stelle der großen Kampf verbände. Diese Maßnahme würde Griechenland nötigen, auf lange Sicht eine kostspielige, große Armee zu unterhalten. Für den so dringend notwendigen Wiederaufbau des Landes wären dann nicht genug Kräfte verfügbar, M. Dönhoff