Von Hans Rutz

Edinburgh, im September

An Anfang war die Musik. Sie ist auch die internationale Sprache der Edinburgher Festspiele. Häufiger als anderswo wechselt sie hier das Kleid. Kammermusik aller Art gab es am Vormittag: Klassische Musik in strenger Stilisierung bot das Busch-Quartett. Als Verbeugung vor dem Genius loci erklangen D. F. Toveys "Air with Variations". Sie beweisen hohe Satzkunst und feines Empfinden. (Der Edinburgher Musikprofessor und bekannte Pianist starb 1940.) Eindrucksvoll auch die Programme der zahlreichen Matineen des Londoner Jacques Orchestra, eines hauptsächlich aus Frauen bestehenden Streichorchesters, das Reginald Jacques leitet. Hier trat Händel verständlicherweise meist an die Stelle Bachs, ohne daß dieser vergessen wurde. Byrd und Purcell vertraten würdig Englands große Musikepochen; in ihnen besitzt die neuere englische Musik ihre besten Vorbilder. Am eindrucksvollsten folgt ihnen der heute etwa siebzigjährige Vaughan Williams in seinen "Four Hymns" nach schönen bildhaften Glaubensworten des Bischofs J. Taylor. Eine durchaus eigenartige Klangfolie belebt hier aufs neue die plastische Erzählungskunst der Virginal-Epoche. Auch der junge Lennox Berkeley, eine große Hoffnung der jüngsten englischen Musik, beherrscht die Kunst, in knapper Formulierung Worte sinnvoll zu deuten: seine "Four Poems by Saint Teresa" beweisen es. Weniger eigenartige, doch "gute Musik" schreiben Gordon Jacob (Oboen-Konzert) und Eugene Goossens (Concertino), letzterer durchwürzt sie mit "Modernismen" der zwanziger Jahre, die heute schon nicht mehr verbindlich sind. Einen Schritt weiter geht der Amerikaner William Schuman. Im Mittelsatz seiner Streicher-Symphonie (1943) ist er dem alten William (Byrd) merkwürdig nahe, während die rhythmisch schillernden, polyphon durchwirkten Rahmensätze einen moderner anmutenden, abstrakten Spielgeist atmen.

In nicht weniger als zehn Konzerten gab das Jacques Orchestra, das übrigens in Kürze eine ausgedehnte Deutschland-Tournee unternehmen wird, einen ausgezeichneten "Anschauungsunterricht" in neuer englischer Musik. Neben Bliss, Tippett, M. Arnold und I. Gurney ist nun auch Hans Gal ihr zuzuzählen, der früher in Mainz und nun in Edinburgh als Universitäts-Bibliothekar und -Dozent wirkende Österreicher, der mit einem Concertino für Orgel und Streicher und den Orchester-Variationen "Lilliburlero", zwei gut gearbeiteten Werken der Reger-Nachfolge, vertreten war. Unübersehbar die Reihe der übrigen Kammermusiken, die Gelegenheit gaben, so ausgezeichnete Musiker wie die Cellistin G. Suggia, die Sänger Kathleen Ferner, Richard Lewis oder Aksel Schoitz, den Oboisten Leon Goossens, das Griller Streichquartett (Bartoks zweites Streichquartett), das Prager Trio (Schostakowitschs Klaviertrio, op. 67) und Brüssels Pro Musica Antiqua-Ensemble (Musik des Mittelalters und der Renaissance) zu erleben, die beiden Sonatenabende Busch-Serkin nicht zu vergessen.

Während der durchaus "insulare" Charakter der englischen Musik sich in der kleineren Form und Besetzung, gleichsam gesprächsweise und am heimatlichen Kamin, vorteilhaft präsentieren konnte, mußte die schöne Liebe des Engländers zur Volksmusik und zum "Singen und Sagen" dort als nicht ausreichend im geistigen Sinne erkannt werden, wo – auf dem weiten Feld der symphonischen Musik – großräumige Klangarchitekturen errichtet werden sollen. Die Konfrontierung von Werken Hindemiths, Strawinskijs, Frank Martins – die Petite Symphonie Concertante war Ansermets überzeugendster Erfolg –, ja selbst Jean Riviers mit Werken von Elgar, Ireland, Ian Whyte (Dirigent des B.B.C. Scottish Orchestra), C. T. Davie, Bax und anderen, zu denen in diesem Zusammenhang auch Sibelius und Ernest Bloch gezählt werden müssen, dessen uraufgeführtes "Concerto Symphonique leider in keiner Weise hielt, was sein ausgezeichnetes früheres Streichquartett versprochen hatte, ließ deutlich erkennen, daß selbst die höchstentwickelte Technik ohne die Gabe der Konstruktivität, ohne Bauen mit den Mitteln des Geistes keine sinfonische Form bewältigen kann. In all diesen direkt oder indirekt vom Ton balladesker Volksmusik inaugurierten Werken, ob sie nun Ballade, Ouvertüre oder auch Symphonie heißen, gibt es starke Momente, aber die Form ist als Ganzes nicht eine rein musikalische, sondern durchweg eine "poetische", ob sie nun, eingestanden oder nicht, Natur unmittelbar abbildet oder persönliche Erlebnisse und Anschauungen einfängt.

Die britischen Orchester besitzen durchweg hohe Qualität; Beethoven, sogar Schumann werden jedoch, von ihnen gespielt, klanglich zu "Tonpoeten", so stark entrückt der typische Volkston englischer Holzbläser und Hörner wichtige Partien dem Klangbewußtsein aus dem symphonischen Zusammenhang. Den geschlossensten künstlerischen Eindruck hinterließ Ansermet mit "seinem" Orchestre de la Suisse Romande, das er vor dreißig Jahren gründete und zu einem vorbildlichen Klangkörper erzog, während alle übrigen Orchester in Edinburgh – von Beecham abgesehen, der sein Royal Philharmonie mit eigenwilligem Schwung präsentierte – von Gästen dirigiert wurden: die Berliner Philharmoniker von Barbirolli und E. Goossens, das Londoner "Philharmonia" von dem großartigen Rafael Kubelik, das Orchestre du Conservatoire von Bruno Walter, der als erster weltbedeutender Dirigent der Edinburgher Festspiele herzlich gefeiert wurde, allerdings auch von seinem eigenen Dirigenten André Cluytens, wie auch das recht gute B. B. C. Scottish Orchestra von seinem ständigen Leiter laß Whyte.

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