In Stuttgart tagten auf Einladung des "Württembergischen Frauenparlaments" Abgeordnete sämtlicher überparteilicher Frauenverbände der britischen, amerikanischen und französischen Zone. Auch Berlin hatte Vertreterinnen entsandt.

Einer ganzen Tag lang ging es um Rechtsreform. In verschiedenen Städten waren bereits vor Monaten Arbeitsgruppen gebildet worden, die zur Hälfte aus Juristinnen, zur Hälfte aus Abgeordneten der Frauenverbände bestanden. Diese Gruppen bearbeiteten verschiedene Fachgebiete: die Nürnberger Gruppe zum Beispiel das Staatsrecht, die Regensburger das Witwen- und Waisenrecht, die Würzburger Gruppe das Familienrecht, die Münchener Gruppe das Recht des unehelichen Kindes. Bei der Stuttgarter Tagung der Frauenverbände nun traten die Ergebnisse dieser Arbeit zutage, wobei man gründlich genug war, sogar die Historie zu Rate zu ziehen. Warum – so fragte man beispielsweise – bildete sich im Römischen Recht der Begriff der "Ehe linker Hand" heraus? Weil das Eherecht, das damals bestand, für die Frau unerträglich war. Bei der "Ehe linker Hand" blieb die Frau in der Gewalt ihres Vaters und wurde nach dessen: Tod erst frei; sie hatte also Anrecht auf Privatbesitz und konnte das Erbe ihren Kindern vermachen. Diese später auch von der Kirche anerkannte Form der Ehe hielt sich in Deutschland bis ins 16. Jahrhundert. Frau von Baeyer, die in Stuttgart darüber referierte, zog aus alledem den Schluß, das Eherecht habe der Frau zu garantieren, daß ihre Persönlichkeit sich voll entwickeln könne.

Weide Folgen sich aus dem Satz "Die Frau gehört zum Manne" ergäben, hätten die jetzigen unerquicklichen Zuzugsbestimmungen gezeigt: dies führte die Rechtsanwältin Dr. Goßmann aus Würzburg aus. Während die Vertreterinnen der Stuttgarter Arbeitsgruppe mehr für einen Anschluß an das Schweizer Recht eintraten, das die Ehe in guten und schlechten Tagen schütze, meinte Frau Dr. Goßmann, das seit zwanzig Jahren bestehende schwedische Recht sei am ehesten geeignet, Vorbild zu sein. Das schwedische Eherecht läßt der Frau die freie Berufswahl. Führt die Frau den Haushalt, so wird dies in Schweden als Berufsarbeit gewertet –: eine Leistung, die entsprechend der Lebensstellung des Mannes bezahlt wird. Frau Dr. Goßmann plädierte vor allem dafür, daß das Gesetz auf die schlechteste Ehe zugeschnitten sein müsse; die gute Ehe brauche kein Gesetz.

Es wir ein "Parlament", das in Stuttgart tagte. So wurden Vorschläge und Gegenvorschläge gemacht. Und als die Sprache auf das Güterrecht kam, hieß es, das in die Ehe eingebrachte Gut solle der Verwaltung und Nutznießung des Einbringenden unterliegen. Jedenfalls müsse verhindert werden, daß der Mann das eingebrachte Gut der Frau durch Nutznießung verschleudern könne. Es war schließlich die Rechtsanwältin Dr. Crusius aus Heidelberg, die für eine Erleichterung der deutschen Adoptionsbestimmungen eintrat. Als sie forderte, daß endlich in den Abschlußklassen aller Schulen durch Fachkräfte Kurse in den einfachsten Rechtsbegriffen des Familien-, Vermögens-, Staats- und Strafrechts eingeführt werden sollen, gab es allgemeine Zustimmung.

Das zweite Hauptthema der Tagung war, der Wohnungsbau. Frau Marie Kolb, Diplom-Ingenieurin aus Würzburg, tadelte in diesem Zusammenhang, daß immer wieder an Stadträndern kostbares Ackerland für Einfamilienhäuser verwendet werde, während doch reichlich geläuterter Baugrund zur Verfügung stünde, den wir durch ungenügende Planung und Kreditbestimmungen nur leider nicht ausnützen könnten. Die Kosten für den Wiederaufbau beschädigter Gebäude betrügen nur zwei Fünftel von Neubaukosten. Frau Kolb betonte jedoch vor allem, daß die Frauen sich endlich bewußt werden mußten, was sie von einer modernen neuaufzubauenden Wohnung verlangen sollten. Frau Irene Schill, Architektin aus Stuttgart, führte aus, daß der Wohnungsbau von heute viel zu teuer sei. Während die Autoindustrie die Kosten ihrer Produktion durch Anwendung und Verbesserung der Produktionsmaschinen auf ein Zehntel der ursprünglichen Ausgaben senken könnte, hätten sich die Bauverfahren wenig geändert. "Wir sind immer noch der alten Baumethode der Handarbeit treu geblieben, obwohl wir in anderen Ländern – die Wohnungen nicht so dringend brauchen wie wir – genug Beispiele der raschen und billigen Herstellung sehen. Wir brauchen: fabrikmäßige Serienkonstruktion von Bauteilen, einen vereinfachten Arbeitsvorgang auf der Baustelle, arbeitsparende Normalisierung, billige Rohstoffe, welche Transportkosten sparen!" Frau Dr. Elisabeth Pfeil, München, betrachtete die heutige Wohnungsnot aus dem Blickwinkel der Flüchtlinge und meinte, daß Flüchtlingsfrauen allein; durch Wohnungen erst wieder zu vollwertigen Menschen würden. J. L.