A. St., Rom, Mitte September

Das Defizit der italienischen Handelsbilanz, das auch in den besten Zeiten vor dem Kriege immer bestand, konnte durch zwei gewichtige Posten des "unsichtbaren Exports" stets ausgeglichen werden: durch die Devisenerträgnisse aus den Ersparnissen von Millionen von Auswanderern und aus dem Fremdenverkehr. Der erste Posten kann in absehbarer Zeit nicht wiederaufgebaut werden. Wie aber ist es mit dem Fremdenverkehr? Kann hier etwas unternommen werden, um ihn zu aktivieren, vor allem die bestehenden internationalen Hemmungen zu beseitigen? Dies sind Fragen, die im Hinblick auf das kommende Heilige Jahr, das einen mächtigen Pilgerstrom bringen soll, in Italien aktuell geworden sind.

1938 brachte der Fremdenverkehr der Zahlungsbilanz den sehr beachtlichen Beitrag von 1,8 Mrd. Lire. Das wären heute, nach der Entwertung, 90 bis 100 Md. Es wurde nun aber berechnet, daß im Finanzjahr 1948/49 der Fremdenverkehr nur 15 Mill. $ eingebracht hat, das sind 8,6 Md. Lire, also nicht einmal ein Zehntel des Vorkriegsertrages. Italien wurde im ersten Halbjahr 1949 von 1,27 Millionen Touristen besucht. Gegenüber der Vergleichszeit des Vorjahres hat sich diese Zahl verdreifacht. Im ersten Halbjahr 1938 waren 1,7 Millionen Ausländer in Italien. Nach offizieller Schätzung werden im Finanzjahr 1949/50, in das schon ein Teil des Heiligen Jahres fällt, 45 Mill. also rund 26 Md. Lire erwartet: immer noch weniger als ein Drittel von 1938.

Ist aber diese Schätzung, sei sie noch so vorsichtig und bescheiden, gerechtfertigt? Um diese Frage beantworten zu können, ist es notwendig, sich zunächst über die Ursachen der Fremdenverkehrskrise klarzuwerden. Sie liegen zum Teil in Italien selbst, zum Teil in den internationalen Verhältnissen. Die Erneuerung des italienischen Hotelgewerbes hat in den letzten Jahren kaum Fortschritte gemacht. Wenn der römische "Messaggero" recht hat, dann ist die Zahl der Fremdenbetten in ganz Italien derzeit nicht größer als die Zahl der Betten, die in Paris den Fremden zur Verfügung stehen. Hinzu kommt, daß das Hotelleben in Italien heute meist teurer ist als in anderen Fremdenverkehrsländern. Im Ausland wurden zudem Klagen über die Unstabilität der Hotelpreise in Italien laut, die sich vor allem darin zeige, daß die Preise sofort in die Höhe klettern, wenn in dem einen oder anderen Fremdenverkehrszentrum ein stärkerer Gästezustrom festgestellt wird.

Dies sind Dinge, die sich durch Selbstdisziplin der Interessenten und vor allem durch eine teils geschickte, teils energische Einflußnahme der Verkehrsverbände und der Verkehrsämter regeln und beheben lassen. Allerdings muß, da das Heilige Jahr vor der Tür steht, rasch Wandel geschaffen werden. Sonst würde es gerechtfertigt sein, wenn die kirchlichen Institutionen von sich aus für die Unterbringung und die Versorgung der Pilger, unter Ausschaltung der Fremdenverkehrsinteressenten, Sorge tragen würden.

Das schmerzhafteste Problem ist aber die Valutenfrage. Wie sollen die Fremden das bezahlen, was sie in Italien genießen wollen? Mit Ausnahme der Hartwährungsländer gestattet heute kein Staat seinen Angehörigen soviel Geld ins Ausland mitzunehmen, daß es auch nur für einen kurzen Ferienaufenthalt ausreicht. Der bescheidene Auslandsreiseverkehr von heute wickelt sich (ein offenes Geheimnis) mit geschmuggelten Devisen ab. Die Pilger des Heiligen Jahres aber werden sich kaum in Schmuggeleien einlassen. Andererseits darf man auch nicht hoffen, daß sich die anderen Länder zur Milderung der Devisenvorschriften zugunsten der Pilger bewegen lassen. Was tun?

Senator Merzagora hat im "Corriere della Sera" einen interessanten Vorschlag gemacht: Die Einführung einer "europäischen Touristenwährung" – des "shill", wie er sie nennen möchte –, also eines international gültigen Reisegeldes, das von der Bank für internationalen Zahlungsausgleich ausgegeben und reguliert werden soll. Es soll in allen Ländern der geplanten "Europäischen Union" Gültigkeit haben und innerhalb einer bestimmten Frist durch Warenexporte kompensiert werden können.

Der Gedanke ist erwägenswert; er zeigt einen, wie man in Italien meint, gangbaren Weg. Noch praktischer erscheint aber, den Fremdenverkehr mit dem Warenexport zu koppeln und ein Kompensationssystem zu schaffen. Vielleicht könnte man dem heute so schwerfälligen Kompensationsverkehr eine leidlichere Form verschaffen.