Gw., London, Mitte September

Die Amerikaner mögen im Prinzip (und in genehmen Einzelfällen) noch so scharf gegen Monopole, gegen Preisbindungen und gegen Subventionen eingestellt sein: Sobald es um die Befriedigung der Ansprüche einer wichtigen "pressure group", einer einflußreichen Interessengruppe geht, schmelzen die Prinzipien dahin wie Schnee in der Märzsonne, Und wenn es zur Landwirtschaft kommt, bedarf es längst keiner Erklärung oder Entschuldigung mehr für die Schmelze, sondern nur noch der Lenkung und Nutzbarmachung der Schmelzwasser.

Daß es dabei um die wichtigen Farmerstimmen geht, ist nichts neues; Interessanter ist es schon zu beobachten, daß die Farmer es inzwischen verstanden haben, auf ihre "absatzsichernde, konjunkturstützende Bedeutung als Käufer der Industrie" hinzuweisen. So klingt es also, erneut in alter Weise: "Hat der Bauer Geld, hat’s die ganze Welt". Wie dem nun sein möge – die Tatsache, daß in den USA Demokraten wie Republikaner das "moralische Recht" des Farmers auf Preis- und Absatzgarantien anerkennen, läßt jede Diskussion über amerikanische Landwirtschafts-Subventionen sofort "zur Sache" kommen.

Also, wie soll man dem Farmer helfen? In den Kriegs- und Nachkriegsjahren der Nahrungsmittelknappheit offensichtlich am besten, indem man ihn zur größtmöglichen Erzeugung anregte, ihm Mindestpreise für jede Menge garantierte und ihn für Rekordproduktion öffentlich belobigte und belohnte. Das geschah durch die staatliche Abnahmeverpflichtung zu 90 v. H. der "Parität", einer Rechnungseinheit für das Verhältnis von Agrarpreisen und Erzeugungskosten in den Jahren 1909 bis 1914. Solange praktisch jede Menge, meist zu höheren Preisen, abgesetzt werden konnte, war dies eine Rückversicherung, die den Steuerzahler wenig kostete. Doch nun im Zeitalter der Dollarknappheit, sind Rekordernten an Weizen, Mais, Baumwolle oder Tabak nicht leicht abzusetzen. Für Weizen allein rechnet man, daß die Differenz zwischen dem Höchstpreis des internationalen Weizenpaktes und dem "garantierten Preis" die USA 84 Mill. $ kosten wird. Und der amerikanische Finanzminister hatte – ob der Subventionskosten – in diesem Sommer allen Grund zum Jubel, als sich die Vorankündigung einer neuen Rekordernte an Weizen durch das Zusammenwirken von Wetter und Würmern nicht bewahrheitete. Dieser Jubel ist nicht so zynisch wie es scheinen mag: Ohnehin weiß man nicht, wie und wo man in den USA den Weizen lagern soll (Lagerung unter Dach ist Voraussetzung für die Subvention!) und ist aus Mangel an Silos auf die "eingemottete Flotte", die aufgelegten Liberty- und Victory-Schiffe verfallen.

Bereits 1948 sah man diese Wende zum Überschuß im Kongreß voraus. Man beschloß, die einseitigen Preisgarantien ohne Produktionsbegrenzung mit Ende 1949 auslaufen zu lassen und akzeptierte stattdessen das neue Landwirtschaftgesetz des Republikaners Aitken. Unter der Aitken-Act soll eine Mengenbegrenzung der Agrarproduktion erzielt werden, indem beim Auftreten von Überschüssen der Prozentsatz der Preisgarantie sinkt: von der starren Garantie von 90 v. H. der "Parität" will man zur variablen Garantie zwischen 60 und 90 v. H. übergehen, um den Farmer von "Überschußprodukten" auf knappe Produkte abzulenken. Farmern, die sich einer Anbaukontrolle unterwerfen, wird für ihre Erzeugung eine Mindestgarantie von 72 v. H. geboten: für die sechs Standard-Erzeugnisse Weizen, Mais, Reis, Erdnüsse, Baumwolle und Tabak.

Dieses Gesetz wurde im vorjährigen Wahlkampf von Präsident Truman als unzulänglich hingestellt. Sein Landwirtschaftsminister Brannan, der daran mitgearbeitet hatte, mußte einen neuen Vorschlag ausarbeiten, der die beiden Versprechungen Trumans – Sicherung der Farmer-Prosperität durch feste, hohe Erlöse und Sicherung der Verbraucher-Prosperität durch niedrige Nahrungsmittelpreise – miteinander vereinbaren sollte. Brannan wählte als Ausgangspunkt ein "stabiles Farmereinkommen", das für 1950 bei 26 Mrd. $ liegen sollte, leicht höher als in den Vorjahren und etwa auf dem Dreifachen der Vorkriegseinkommen. Diesem Einkommen-Standard aus "dem Durchschnitt der ersten zehn Jahre aus den letzten zwölf Jahren" (eine Auslese, die für das nächste wichtige Wahljahr 1952 ein besonders günstiges Farmereinkommen sichern würde!) sollte eine Preisberechnung aus dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre zur Seite stehen. Die alte "Parität" wollte man fallen lassen, um die Produktion besser auf die Ernährungsgepflogenheiten der Amerikaner von heute abzustimmen. Lagerfähige Erzeugnisse sollten zum vollen Preise vom Staat angekauft oder beliehen werden. Verderbliche Erzeugnisse sollte ihr Preisniveau am freien Markt finden: der Staat sollte den Farmern direkt etwaige Differenzen zwischen erzielten und "anerkannten" Preisen auszahlen. Strikte Anbau- und Marktkontrolle (auch für verderbliche Erzeugnisse) wir die Kehrseite des Brannan-Plans, der nur die Unterstützung der weniger einflußreichen, liberalen "Farmers Union" fand. Weitere Gegnerschaft entwickelte sich von den "industriellen" Farmern her, da nur die große Familienfarm in den Genuß des Einkommensschutzes kommen sollte, dagegen nicht die gesamte Erzeugung der Großfarmer, die (2 v. H. der Zahl nach) rund ein Viertel des Farmereinkommens beziehen und häufig durch ihre moderne Massenproduktion weit über Durchschnitt liegende Gewinnsätze einheimsen,

Es ist in den USA keinerlei zuverlässige Schätzung über die Kosten des Brannan-Plans für den Steuerzahler bekanntgeworden. Daß die Kosten sehr hoch liegen müßten, höher als irgendeine frühere Form der landwirtschaftlichen Subvention, ist ziemlich allgemein akzeptiert. Doch der scharfe Widerstand, der im Repräsentantenhaus auf demokratisches Betreiben zur Ablehnung der Brannan Act geführt hat. stützte sich nicht so sehr auf die zu erwartenden Kosten. Stärker wurden das bürokratische Hindernis der übermäßigen Kontrolle und die zu weitgehende Bevormundung der Farmer im Anbau abgelehnt.

So ist denn das Schicksal des Brannan-Plans bereits besiegelt, bevor er vor den Senat kam – und niemand, außer den geistigen Vätern, scheint sehr traurig darüber. Aber auch der Aitken Act ist weiterhin in der Schußlinie. Er rückt dem Kernproblem der Produktionsüberschüsse offenbar zu drastisch zu Leibe. Auch in den USA hat man im Jahrzehnt der Vollbeschäftigung die "Sicherheit" des festen Absatzes zu hohen Preisen allzusehr schätzen gelernt. Die "Verbesserungsvorschläge", die der frühere Landwirtschaftsminister, Senator Anderson, gemacht hat, zielen daher in der Hauptsache auf eine "Milderung" des Preisdrucks für die Überschüsse ab, eine Parole, die von den Agrar-Interessenten naturgemäß mit großem Eifer aufgegriffen wird.