Daß ein Grundexistential des menschlichen Daseins das "Tragische" ist – eine Tragik, aus der zu führen nicht Sache der dramatischen Dichtung sein kann – das ist das Leitmotiv der zweibändigen Geschichte der "Deutschen Tragödie von Lessing bis Hebbel" (Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg) von Benno v. Wiese. Dem Literaturgeschichtler der Universität Münster ist mit diesem Werk gelungen auszusagen, was längst die Herzen vieler Menschen bewegt: das Wissen nämlich, daß Dichtung nicht eine (poetische Berichterstattung aus höheren Sphären, sondern verdichtete Aussage menschlicher Existenz ist. Diese Existenz, deren Wesenheit in ihrem Niefertig-Sein besteht, in ihrem unüberwindbaren Zwiespalt von Wirklichkeit und Möglichkeit, spricht ihre Unzulänglichkeit gerade in der tragischen Dichtung aus. So gesehen, erhält die Geschichte der deutschen Tragödie von Lessing bis Hebbel freilich ein neues Gesicht. Von einer ästhetisch blutleeren Betrachtung wird sie zur dramatischen Hermeneutik von 150 Jahren menschlicher Größe und Kleinheit. Es ist die moderne Philosophie in ihrer reinen, nicht durch Popularisierung entstellten Form, die hinter den Sätzen des Verfassers steht. Es sind vor allen Dingen Kierkegaard und Jaspers, deren philosophische Überzeugungen v. Wiese zusammen mit den reichen Erfahrungen eines eigenen, originellen Denkens zum Hintergrund seiner Aussagen macht. Vor dem großen Vorzug dieses Werkes, der zielbewußten Auslegung dramatischer Dichtung im Sinne des heutigen Bewußtseins vom menschlichen Dasein, müssen manche Bedenken zurückstehen; die Bedenken nämlich, daß die einzelnen Dichtungen bisweilen zu sehr auf dieses Ziel hin interpretiert werden.

Der Stil v. Wieses ist überall einfach und temperamentvoll. Daß der Verfasser Universitätsprofessor ist, kann man – wenn man ihn nicht schon vorher kennt – nur dem Schutzumschlag, nicht der Darstellung entnehmen. Das ist ein großer und seltener Vorzug, den diese Arbeit anderen wissenschaftlich exakt geschriebenen Literaturgeschichten voraus hat.

P. Hühnerfeld