Man muß die Menschen gesehen haben, die in den Jahren 1946 und 1947 vor den Toren der Insulinfabrik in Lübeck standen! Nachts waren sie über die "grüne" Grenze aus der Ostzone gekommen. "Gebt uns Insulin!" Sie baten, flehten. Sie schilderten die Leiden ihrer Angehörigen, Merkwürdig, obwohl man die "Zuckerkrankheit" sonst immer das Unheil der Wohlhabenden, der Wohlgenährten nannte, hatte sie in der Zeit der großen Entbehrungen zugenommen. Nun weiß man ja, daß einer, der unter dieser Krankheit leidet, in vielen Fällen gleich einem Gesunden leben und arbeiten kann; er braucht nur eins: Insulin, jenes Medikament, das aus den Bauchspeicheldrüsen frischgechlachteter Tiere gewonnen wird. Aber in der Ostzone waren Insulinfabriken nicht mehr in genügender Zahl vorhanden, und die Laboratorien der Westzone lieferten nicht genug Insulin, weil die Schlachthöfe in der Zeit der schmalen Fleischrationen nicht "Rohstoff" genug lieferten. Wer die flehenden, bettelnden Menschen am Tor der kurz zuvor erst in Betrieb gesetzten Lübecker Fabrik sah, weiß, was das bedeutet –: Insulin

Er begreift auch, was es heißt, daß in Westdeutschland einige an "Zucker" Erkrankte alle ihre Ersparnisse zusammennahmen, um diese Flasche zu kaufen, die ein beamteter Chemiker soeben analysiert hat. Eine kristallisierte Flüssigkeit enthält die Flasche, die das Petschaft der Firma Merck trägt. "Original versiegelt." Und ein nicht beamteter Chemiker hat zu dieser "original versiegelten" Flasche seinerseits eine Analyse geliefert. Er gab es schriftlich auf den üblichen Formularen, der Inhalt sei kristallisiertes Insulin. Der beamtete Chemiker erkannte die Fälschung: Die Flasche enthält kristallisierte Salicylsäure. Und es heißt, daß Salicylsäure in diesem Zustand einem Zwischenprodukt des Insulin ähnlich sehe. Bedenkt man ferner, daß es "kristallisiertes Insulin" überhaupt nicht gibt und daß es in kristallisiertem Zustand auch nichts hülfe, so begreift man das Ausmaß des Verbrechens dieser Fälschung. Ein approbierter Chemiker war daran beteiligt, gab seinen Namen als Wissenschaftler dazu her Der Gewinn? Die Kriminalpolizei gab die Auskunft, daß für 1400 Gramm dieser Fälschung 135 000 D-Mark verlangt und – gezahlt worden seien. Wer heute an "Zucker" leidet, erhält das Heilmittel Insulin, obwohl es in manchen Teilen Deutschlands noch knapp und nicht in allen Apotheken vorrätig ist. Es ist die Angst aus den ersten Nachkriegsjahren, die den Fälschern auch nach der Geldreform noch die Möglichkeit gab, Salicyl als Insulin zu verkaufen. Eine Gangsterbande mit internationalen Beziehungen. Ein "Millionengeschäft". Und ein deutscher Chemiker gab seinen Namen dazu... (Wird fortgesetzt)