Als im Sommer 1946 der Bischof von Münster, Kardinal Graf Galen, kurz nach seiner Romreise an einer verschleppten Blinddarmentzündung unerwartet starb, glaubte niemand, daß ein anderer deutscher katholischer Kirchenfürst in kurzer Zeit dieselbe Bedeutung und Popularität erlangen würde wie der "Löwe von Münster". Und doch ist es so: Der Kölner Erzbischof, Kardinal Dr. Josef Frings, wurde in diesen Jahren zu einer Persönlichkeit, die im christlichen und politischen Leben Deutschlands und Europas ebensoviel Achtung genießt, wie der unermüdliche westfälische Streiter gegen den Nationalsozialismus vor ihm. Denn Kardinal Frings, der seit 1942 Erzbischof von Köln ist, ging an keinem Problem des deutschen und europäischen Nachkriegslebens vorbei, ohne ernsthafte und oft entscheidende Worte darüber zu sagen – Worte, die nicht nur den katholischen Standpunkt, sondern darüber hinaus den Standpunkt eines rechtlich denkenden, unbestechlichen Mannes zeigten. Und gerade dieses letzte ist es, was ihn in eine Reihe mit dem Grafen von Galen rückt und was, die Unterdrückten und Hungernden im Deutschland der schweren Nachkriegsiahre Vertrauen zu dem Erzbischof von Köln fassen ließ. – Schon 1946, anläßlich seiner Italienreise, gab es peinliche Zwischenfälle, weil Kardinal Frings jedes deutsche Kriegsgefangenenlager zu sehen wünschte. Immer wieder hat er sich für die Entlassung aller Kriegsgefangenen eingesetzt. In seiner nun schon historisch gewordenen Neujahrspredigt vom Januar 1947 erklärte er, er könne das Kohlenstehlen inmitten von Hunger, Frost und – vollen Kohlenzügen, nicht als eine Sünde ansehen; worauf die Kölner nach dem Hochamt die Güterbahnhöfe stürmten und statt; Stehlen oder dem damals gebräuchlichen "Organisieren" von "Fringsen" sprachen. Die Neujahrspredigten des Kölner Würdenträgers haben es überhaupt in sich: denn ein Jahr später versetzte er in der Predigt dem in Deutschland erstarkten Bürokratismus einen heftigen Schlag als er sagte: "Ich will von Bürokratie nkhts wissen. Ich war sehr erschrocken, als ich erfuhr, daß in Deutschland auf vier Schaffende ein Beamter kommt..."

Vor allem hat seine politische Initiative den heute 62jährigen Kardinal (er wurde 1887 zu Neuß am Rhein als Sohn eines wohlhabenden Bürgerhauses geboren und empfing 1910 die Priesterweihe) zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten der jungen deutschen Bundesrepublik gemacht. Denn der Erzbischof hat keine Gelegenheit versäumt, sein und der Kirche politisches Interesse zu bekunden. Wenn er die CDU, der er im Herbst 1948 beigetreten, war, im Mai dieses Jahres wieder verließ, so geschah es nicht etwa, weil er politische Differenzen mit dieser Partei gehabt, hätte, sondern weil man es ihm, dem Kirchenfürsten, in Deutschland übelnahm, daß er sich für eine bestimmte Partei entschieden hatte. Der Kardinal hat vor allem in der sozialen Frage die Worte von der Entproletarisierung des Arbeiters" und der "christlichen Sozialisierung" geprägt und eine so entschiedene und bedeutende Stellung bezogen, daß man ihn in innerpolitischen Dingen nicht mehr übersehen kann. – Der Erzbischof von Köln verkörpert in höchstem Maße den Typ des modernen katholischen Würdenträgers. Einen Typ, der sich bemüht, wieder "weltlich" zu werden, damit die Welt christlicher werde. Seine Worte zu politischen und sozialen Lebensfragen – wie jetzt kürzlich wieder die Bitte um eine Generalamnestie aller von der Militärregierung Verurteilten, die er zur Eröffnung des Bundestages General Robertson vortrug – entspringen nicht persönlichem Ehrgeiz, sondern dem zielbewußten katholischen Ethos von heute, nach dem es christlicher ist, dem Menschen diesem Leben zu helfen, als ihn nur in der Kirche auf ein jenseitiges zu vertrösten.

P. H.