Wie soll das Handelsvolumen zwischen den europäischen Ländern aufrechterhalten oder möglichst noch vergrößert werden, wenn in dem aus dem Gleichgewicht gebrachten europäischen Wirtschaftsgefüge chronische Schuldner chronischen Gläubigern gegenüberstehen? Dieses ist das Problem, dem sich die O.E.E.C. seit ihrem Zusammentritt vor 16 Monaten gegenübersieht.

Die Wirtschaftsexperten waren sich von Anfang an bewußt, daß organisatorische Maßnahmen allein nicht ausreichten, und daß es eines Systems gegenseitiger Hilfe bedurfte, in welches als Anreiz und treibende Kraft Marshall-Mittel eingebaut werden mußten. So gelangte man zu dem gedanklich einfachen, in der Realität der bestehenden Wirtschaftsbeziehungen aber reichlich komplizierten System der "Ziehungsrechte". Jedes europäische Gläubigerland räumt in seiner Währung jedem seiner Schuldner in Höhe des voraussichtlichen Zahlungsdefizits Ziehungsrechte ein und erhält als Entschädigung dafür Marshall-Mittel in der Form der "bedingten Hilfe". Diese wird nur nach Inanspruchnahme der "Ziehungsrechte" – eben jener Kredite in Landeswährung – für das gewährende Gläubigerland freigegeben. Zwischen den 13 beteiligten Ländern bestehen 78 bilaterale Beziehungen und damit ebensoviel Gläubiger-Schuldner-Verhältnisse. In 63 der 78 Fälle sind Ziehungsrechte. zugeteilt worden.

Damit stehen nach dem gegenwärtigen Stand der europäischen Koordination folgende Möglichkeiten für die Finanzierung des zwischeneuropäischen Handels offen, die ihrerseits Etappen der Nachkriegsentwicklung im europäischen Zahlungsverkehr widerspiegeln: Einmal bestehen zwischen jeweils zwei Ländern Abkommen, nach denen Lieferungen gegenseitig verrechnet werden. Ein Saldo bis zu einer bestimmten Höhe ist gestattet. Hat aber ein Land die Obergrenze dieses Saldos erreicht, so muß der Handel erlahmen, wenn nicht ein Ausgleich in Gold oder Dollar erfolgt.

Zum zweiten besteht seit September 1947 die Möglichkeit, innerhalb eines Verrechnungsringes, dem sich die wichtigsten Länder angeschlossen haben, aufgelaufene Salden durch Einbeziehung von mehr als zwei Partnern zum Verschwinden zu bringen oder herabzumindern. Dieses Verfahren findet dann seine Grenze, wenn einige Länder nur Gläubiger und andere nur Schuldner sind.

Seit Oktober wurden drittens den Schuldnern von ihren Gläubigern "Ziehungsrechte" eingeräumt. Mit diesen können die Schuldnerländer im gewährenden Gläubigerland Warenlieferungen bezahlen oder bestehende Passivsalden ausgleichen. Für die Gewährung dieser Ziehungsrechte werden die Gläubiger durch Marshall-Dollars entschädigt. Das Ziehungsrecht-Abkommen wurde nun im Juli neu gefaßt. Jetzt kann jeder Empfänger ein Viertel der Ziehungsrechte in jedem europäischen Land, nicht nur in dem Staat, der die Ziehungsrechte gewährt, verwenden. Davon erhofft man sich eine weitere Belebung des zwischeneuropäischen Handels und vor allem eine rationellere Produktion der europäischen Wirtschaft, da die Länder untereinander um die freien 25 v. H. konkurrieren werden. Das System des strikten Bilateralismus wäre damit durchbrochen.

Weiter können die europäischen Länder sich untereinander Anleihen gewähren, um die eingefrorenen Handelsbeziehungen wieder aufzutauen, So hat sich Belgien bereit erklärt, Anleihen an einige seiner Schuldner zu gewähren. Die USA wollen Belgien dafür eine Dollaranleihe bereit; stellen.

Diese Hilfslösungen haben wohl dazu beigetragen, daß sich die europäische Wirtschaft zunehmend erholt, aber die Ausdehnung des zwischeneuropäischen Handels, mit dem allein eine Gründung herbeigeführt wird, ist weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Man müßte den Europäern eine starke Dosis Anti-Nationalgesinnung einimpfen. W. H.