Nach fast genau 25 Jahren steht die deutsch Wirtschaft wieder vor der Aufgabe, ihre Bilanzen auf eine neue Währung umzustellen. Die Reichsmark-Eröffnungsbilanzen datieren zumeist aus der zweiten Hälfte des Jahres 1924. Damals hat ein großer Teil der Unternehmen kann die weitgehenden Auswirkungen geahnt, die von den Eröffnungsbilanzen hervorgerufen wurden. Gewiß war die Aufgabe damals wesentlich schwieriger als heute. Zunächst hatte man keinerlei Erfahrungen. Man glaubte im wesentlichem eine. Vermögensaufstellung machen zu müssen, die dem Zeitwert entsprach. Dabei ging der Seitenblick sehr stark auf die steuerlichen Auswirkungen des Bilanzansatzes, aber auch dieser Seitenblick richtete sich ganz nach dem damaligen Stand der Steuersätze. Die Wertverschiebungen durch die Inflation waren wesentlich größer; man konnte ja schon seit Jahren kaum mehr von einer wirtlichen Bilanzkontinuität sprechen. Die Bilanzen hatten praktisch ihre Bedeutung sowohl als Vermögensrechnung wie auch als Erfolgsrechnung verloren. Es fehlten also weitgehend die zuverlässigen Wertmaßstäbe. Die Addition der Inflationszahlen besagte nichts und der Vergleich mit den "Friedenswerten" hatte auch nur geringe Bedeutung, weil inzwischen nicht nur das gesamte Preis- und Kostengefüge wesentlich verändert war. Vielmehr hatte sich auch die gesamte Wirtschaftsstruktur Deutschlands so weitgehend geändert, daß man nicht mit Sicherheit die Entwicklungsmöglichkeiten der einzelnen Wirtschaftszweige beurteilen konnte.

Damals gab es im wesentlichen zwei Richtungen. Auf der einen Seite standen die – meist neugegründeten – Unternehmen, die, noch ganz im Banne des Inflationstaumels, riesige Werte errechneten. Auf der anderen Seite, stand eins Gruppe, die, ängstlich in die Zukunft schauend, zu möglichst niedrigen Bilanzansätzen strebte und die "einmalige Gelegenheit zur Vornahme von Sonderabschreibungen" benutzte, um möglichst niedrige Werte zu schaffen.

Beide Gruppen haben an den Auswirkungen ihres einseitigen Verhaltens sehr wenig Freude

gehabt. Die Überbewertungen traten sehr schnell zutage. Meistens dauerte es noch nicht einmal bis zur Krise der dreißiger Jahre, um das Mißverhältnis der gewählten Kapitalbasis zu den tatsächlichen vorhandenen Gewinnmöglichkeiten offenzulegen. Spätestens nach 1930 war der Mißgriff aber nicht mehr zu verdecken, und man mußte entsprechende Kürzungen des Kapitals vornehmen.

Zunächst glaubten die Unternehmen bei niedrigen Bewertungen den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Aber auch sie mußten bald einsehen, daß sich über niedrige Abschreibungen sehr leicht Kalkulationsfehler einschlichen; die zu Preisen ohne ausreichenden Kostenausgleich führten. Viel unangenehmer wirkten sich aber die steuerlichen Folgen aus. Die zu Beginn der vierziger Jahre durchgeführten Kapitalberichtigungen waren zum großen Teil ein Ausgleich für die unberechtigte Verkleinerung der Kapitalien aus Anlaß der Reichsmark-Eröffnungsbilanz.

Mitte der dreißiger Jahre stand die Wirtschaft Österreichs vor der gleichen Aufgabe einer Neubewertung ihres Vermögens, anläßlich der Reichsmark-Eröffnungsbilanzen. Zweifellos, sind hier die allzu weitgehenden Fehler der Reichsmark-Eröffnungsbilanzen im "Altreich" vermieden worden. Aber auch hier versagte uns die Geschichte einen ausreichenden Überblick darüber, wie weit man nun tatsächlich das Rechte getroffen hat. Wenn nunmehr die deutsche Wirtschaft an die DM-Eröffnungsbilanzen herangeht, dann ist ihre Aufgabe insofern wesentlich leichter, als die Abweichung der Werte verhältnismäßig gering geblieben ist. Lediglich die anteilsmäßig meistens unbedeutenden Bauten der Nachkriegszeit sind in ihren Kosten überhöht. Schwieriger ist die gegenwärtige Finanzierung, soweit ein Bilanzansatz für Kriegsverluste gefunden werden muß, die aus bilanztechnischen Gründen zunächst noch vermerkt werden müssen. Auch soweit die Betriebe große Kriegszerstörungen hatten und diese während der Reichsmarkzeit wieder errichtet wurden, treten die Bewertungsprobleme stärker in den Vordergrund. Allerdings: An der grundsätzlichen Entscheidung, wie weit die Preisunterschiede der Gegenwart zur Vorkriegszeit in den Bilanzwerten berücksichtigt werden sollen, kommt die deutsche Wirtschaft nicht vorbei.

Die gesetzlichen Bestimmungen können nur den großen Rahmen für die Bewertung geben, der zum Schutze der Gläubiger oder aus allgemeinen (insbesondere fiskalischen) Interessen aufgestellt werden muß. Bei den Vorschriften sind die Erfahrungen aus der Reichsmark-Eröffnungsbilanz auch weitgehend berücksichtigt worden, um einseitige Ausschläge schon von vornherein zu unterbinden. Aber innerhalb dieses gesetzlichen Rahmens ist noch ein sehr weiter Spielraum für die individuelle Bewertung gelassen. Diese aber muß sich weitgehend mit den Erfahrungen der letzten 25 Jahre auseinandersetzen. Dabei ergibt sich, daß die Bewertung nicht allein nach den Voraussetzungen zur Zeit der Bilanzaufstellung vorgenommen werden kann; vielmehr kann der Bilanzansatz nur mit einem klaren Blick für die Zukunft richtig gewählt werden.

Schon allein der Umstand, ob die Bilanzwerte hoch oder niedrig festgelegt wurden, hat weitgehende Einflüsse auf die späteren Kalkulationen und damit auf den Betriebserfolg. Über die Preise wirkt dieser Bilanzansatz auch auf die gesamte Volkswirtschaft ein. Gerade hierfür sind die Preisübersteigerungen unmittelbar anschließend an die noch durch die Inflation beeinflußten Reichsmark-Eröffnungsbilanzen ebenso beispielhaft wie die ungesunden Preistiefstände zu Beginn der dreißiger Jahre, die nicht zuletzt auch durch die voraufgegangenen Sanierungen beeinflußt wurden Die aus den subjektiven Bewertungen entstehenden Folgen auf den Stueraufwand sind gleichermaßen von großer Bedeutung für die Unternehmen selbst, wie sie anderseits über den Steuerertrag auch weitgehende Einflüsse auf die gesamte volkswirtschaftliche Lage ausüben. Man sieht also, daß die DM-Eröffnungsbilanzen nicht unter gegenwärtigen Perspektiven allein aufgestellt werden dürfen. Bei der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen läßt sich keine allgemein gültige Richtlinie aufzeichnen. Aber soviel läßt sich doch sagen, das alle extremen Bewertungen große Gefahren in sich bergen. ~d