Man darf sagen, daß Hakon Mielche von Beruf ein Neutraler ist. Däne von Geburt, von Überzeugung und von Humor, reist er in der Welt herum. Was er sieht, notiert er und glossiert er durch kleine Zeichnungen. Obwohl er den Bleistift so eifrig führt, muß man ihn sich als einen Mann vorstellen, der, während er sich alles anguckt, die Hände in der Hosentasche trägt. Hakon Mielche, zwar voller Menschlichkeit, ist nämlich ohne jeden Respekt. So kam es, daß er seine "Reise nach Liliput" – im Untertitel "Die Geschichte von den fünf Kleinen" genannt – "den fünf Großen ohne besondere Hochachtung zugeeignet" hat...

Dieser liebenswerte Querkopf! Während andere Weltreisende die Länder unentwegt besuchen, um die "sich die Welt dreht", fuhr Mielche nicht nach Amerika, nicht-nach England, nicht nach Rußland; er war im Gegenteil darauf gespannt, zu erfahren, was die "Kleinen" im Schatten der "Großen" derzeit machen. So fuhr er nach Liechtenstein (wo der Landesvater ihm höchstselbst wie im Andersenschen Märchen das Palasttor aufmachte), nach San Marino und Monako, nach Andorra und zum Vatikanstaat, dieser "größten Macht auf kleinstem Raum". Was er sah, hat er so beschrieben, wie ein echter Kerl es beschreibt: ohne Konzessionen, ohne "Rücksicht auf Verluste" seines persönlichen Prestiges und mit jenem echt dänischen Humor, der gemütlich, desillusionierend und ein wenig verspielt ist. Dem Leser dieses vom Dulk-Verlag, Hamburg, liebevoll ausgestatteten Buches kann man nicht nur Wissensbereicherung, sondern ein Vergnügen garantieren und den Beweis der Tatsache, daß es Spaß macht, ein Neutraler zu sein. (In diesem Punkt haben wir Deutschen ja bekanntlich noch einiges zu lernen. Laßt getrost auch einmal die "Kleinen" unsere Lehrmeister sein!) Josef Marein

Alfred Döblin: "November 1918, Verratenes Volk". 1. Band, Halbleinen. 471 Seiten. 13,50 DM. Verlag Karl Alber, München. – Döblin schrieb nach dem ersten Weltkrieg "Berlin Alexanderplatz". Das Buch wurde ein Bestseller. Eine Neuauflage ist jetzt erschienen. Ihr dürfte ein ähnlicher Erfolg versagt sein: denn Franz Biberkopf hat uns heute nicht mehr viel zu sagen, seine. Welt ist unseren Augen entschwunden. Nach dem zweiten Weltkrieg lernten wir Döblin von einer anderen Seite kennen. Er hatte in der Emigration sein Damaskus erlebt. Seitdem trägt das, was er schreibt, eine ausgesprochen religiöse Färbung.

Das Buch "November 1918" hat Döblin in den Jahren 1937 bis 1941 geschrieben. Die Ähnlichkeit mit "Berlin Alexanderplatz" ist unverkennbar. (Daß hier wie dort jedes Kapitel mit einem kurzen Vorwort anhebt, gleichsam einer Inhaltsangabe, ist gewiß eine Äußerlichkeit, aber eine charakteristische.) Die Stärke des Buches liegt dort, wo Döblin uns mit schonungsloser Offenheit den Menschen ganz menschlich zeigt. Das allein ist schon lebenswert, weil es in einprägsamer Bildhaftigkeit jene schicksalsschweren grauen Novemberwochen wiederheraufbeschwört. Aber diese Zeit ist ein Kapitel deutscher Geschichte und muß historisch-politisch betrachtet und gewertet werden. Dieser Forderung wird Döblin nicht gerecht. Es fehlt die Objektivität. So kommen die Männer, die damals Politik machten – auch Ebert und Scheidemann – nur sehr schlecht weg, während Karl Liebknecht mit viel Liebe gezeichnet wird. Werner Rockel