Von Peter Christian Baumann

Von den europäischen Würdigungen für Goethe ist sicher der Beitrag, des Kopenhagener Literaten Kai Friis Möller einer der originellsten: er schildert die Besuche, die Adam Oehlenschläger, der dänische romantische Dichter, während seiner europäischen Bildungsreise dem "Großen Alten" abgestattet hat. Ein halbes Jahr lang hielt sich Oehlenschläger abwechselnd in Weimar und Jena auf, und die beiden Dichter hatten Gelegenheit, sich recht genau kennenzulernen. Es begann mit Liebe auf den ersten Blick und endete, wie das mit dieser schnellen Liebe leider meistens ist ... Adam schrieb an seine Verlobte nach Kopenhagen (am 16. Juli 1806): "Ohne zu prahlen kann ich wohl sagen, daß Goethe mich immer mehr lieb gewinnt. Einmal, als wir allein zusammen waren, war nichts andres zu machen, als Goethe um den Hals zu fallen und ihn zu küssen, welches er herzlich vergalt und mit Wärme sagte: "Lieber Däne, Ihr meint’s auch treu und gut in der Welt...‘ Voß erzählte mir, daß Goethe, als sie einmal von mir spradien, mit ungewöhnlicher Wärme und Herzlichkeit sagte: ‚Oh, der ist mir ein herzlieber Junge.‘ – Ich erzähle Dir diese kleinen Anekdoten, weil ich weiß, daß sie Dir Spaß machen, und weil Du es – wie ich – nicht für belanglos hältst, von einem großen Mann geliebt zu werden." –

Goethe schätzte das Talent des Dichters von "Aladdin" und "Haakon Jarl" und fand den jungen Adam "schön und liebenswürdig". Weniger liebte er dessen Manie, seine langen Stücke vorlesen zu wollen, und noch unangenehmer war ihm eine Eigentümlichkeit des Dänen, die darin bestand, daß dieser im Gespräch an seinen Fingern zu ziehen pflegte, bis die Gelenke knackten. Freundliche Andeutungen, wenigstens vom der letzteren Untat abzulassen, wurden überhört, und so mußte denn Goethe zu direktem Angriff übergehen und sich das Geknacke der Finger verbitten: "Ihr wißt, daß es mir fatal ist..."

Als der Däne drei Jahre später, aus Italien kommend, beim Weimarer Meister vorsprach und ein Schauspiel "Correggio" mitbrachte, war der Empfang kühl. Goethe lehnte es ab, sich das Stück vorlesen zu lassen. Das ihm übersandte Manuskript ging an den Absender mit dem Bescheid zurück, daß die Schrift leider nicht zu deuten sei. Aber er, Goethe, erwarte sich viel von der Lektüre des Werkes, wenn es – hoffentlich – bald im Druck erscheine. Gegenüber Zelter äußerte er: "Oehlenschläger. ist eine dieser halben Begabungen, die sich für ganze und noch etwas darüber ansehen. Diese Söhne des Nordens ziehen nach Italien und gelangen doch nicht weiter, als ihre Bären auf den Hinterbeinen stehen zu lassen, und wenn sie ihnen so einigermaßen das Tanzen beigebracht haben, dann meinen sie, alles sei großartig." Oehlenschläger revanchierte sich: "Den Unbedeutenden wollte er weiterhelfen und sie protegieren, zum Beispiel jede dramatische Bagatelle in Italien, aber den Norden, Dänemark, Skandinavien, ignorierte er, weil sie Rivalen des deutschen Ruhms waren, Teilnehmer an germanischen Vorsagen ..., von uns hat er keine Ahnung gehabt."

Seinen letzten Tag in Weimar benutzte der dänische Dichter dazu, um Riemer seine Meinung zu sagen über Goethes Talentlosigkeit, Charakterlosigkeit und Kälte. Am Abend ging er zu ihm, um Abschied zu nehmen. Goethe war schon im Nachthemd und zog seine Uhr auf, als Oehlenschläger eintrat. "Nun mein Bester. Sie kommen ja wie Nicodemus..." – "Herr Geheimrat, gestatten Sie mir, daß ich dem Dichter Goethe für ewig Lebewohl sage ..." – "Nun, leb wohl, mein liebes Kind..." "Nichts mehr!" rief der Besucher und verließ das Zimmer.

Und Goethe schrieb an Zelter: "Dieser brave Oehlenschläger hat mir persönlich viel Ungelegenheit verursacht. Als er von Italien zurückkam, wollte er mir ewig und immer diesen "Correggio" laut vorlesen, was ich hartnäckig ablehnte, dagegen ihm anbot, das Stück für mich allein zu lesen. Darüber geriet er völlig außer sich, so daß er sich zuletzt wie ein Verrückter benahm..."

Deutsch-dänische Freundschaftsversuche sind häufig gescheitert, weil dem dänischen Partner das Germanische im deutschen zu stark hervortrat. Im Fall der beiden Dichter mißfiel dem deutschen der allzu germanische Däne...