Von Wolf Schirrmacher

Als neuestes technisches Wunder wurde in Philadelphia (USA) ein äußerlich harmlos aussehender Apparat vorgeführt, der nicht größer als eine Kommode war. Als man ihn anstellte, quengelte er wie ein verwöhntes Kind, aber nach fünf Minuten hatte er 500 000 Additionen, 200 000 Multiplikationen und 300 000 andere mathematische Aufgaben ausgeführt – eine Zahlenhexerei, für die ein Mathematiker mit einer Rechenmaschine mehrere Jahre gebraucht hätte.

Binac, das neue Denkwunder, ist bedeutend kleiner, billiger und schneller als sein großer Bruder Eniac, der als erstes Elektronengehirn bereits im Kriege gebaut wurde. Allerdings arbeitet es nur mit Zahlen. Univac, ein weiteres Kind der Roboterfamilie, das in einigen Monaten das Licht der Welt erblicken soll, wird auch alphabetische Informationen meistern. Binac besteht aus Tausenden von Elektronenröhren, die wie die Zellen eines Gehirns zusammenarbeiten. Seine einzigen beweglichen Teile sind eine Schreibmaschine, die die Resultate notiert, und ein Ventilator, der für Kühlung sorgt. Es wurde für die Northrop-Flugzeugwerke in Kalifornien gebaut und soll vor allem jene aerodynamischen Probleme lösen, die bei der Konstruktion von Flugzeugen mit Überschallgeschwindigkeit und bei der Fernsteuerung von Raketen aufgetreten sind.

Kürzlich brach ein Düsenjäger, der eine Geschwindigkeit von 1200 Stundenkilometern erreichte, in der Luft auseinander, und der Pilot, der schneller als der Schall geflogen war, mußte diesen Triumph mit dem Leben bezahlen. Die menschliche Denkgeschwindigkeit war hinter dem Tempo der technischen Entwicklung zurückgeblieben. Binac aber rechnet 12 000mal so schnell wie der Mensch und soll jetzt in die Phänomene des Ultraschalls eindringen, denen man bisher machtlos gegenüberstand.

Die Amerikaner erwarten von den "kybernetischen" Apparaten einen wissenschaftlichen Fortschritt, wie ihn ähnlich nur die Entdeckung der Atomenergie gebracht hat. Unter Kybernetik verstand man ursprünglich die gewöhnliche Steuermannskunst. Heute bezeichnet dieses Wort eine neue Spezialwissenschaft, die sich mit allen möglich Kontrollmethoden befaßt, sei es die Fernlenkung von Flugzeugen oder das Geheimnis, wie das menschliche Gehirn arbeitet. Dabei hat man die erstaunliche Entdeckung gemacht, daß die gleichen Maschinen, die unerreichte Meister der Mathematik sind, auch die Erklärung für manche Nerven- und Gehirnstörungen liefern können.

Der erste und einfachste kybernetische Apparat war der Regulator, der eine Dampfmaschine überwachte oder eine zu schnell ablaufende Grammophonplatte bremste, und der Thermostat, der die Wärmeentwicklung einer Heizung selbständig regulierte. Hier wurde bereits in bescheidenem Rahmen eine Funktion des menschlichen Gehirns ausgeübt. Der automatische Pilot ging dann einen Schritt weiter, indem er den Kurs eines Flugzeugs in allen drei Dimensionen überwachte und korrigierte. Die automatische Zielvorrichtung der Flakgeschütze stellte mit ihrem Radarschirm nicht nur Richtung und Geschwindigkeit des angreifenden Bombers fest, sondern rechnete auch das notwendige Vorhaltemaß aus und richtete das, Geschütz darauf ein. Der "Homeostat" des englischen Psychiaters Ashby kann sogar Schach spielen. Er errechnet blitzschnell bis auf drei Züge voraus alle Möglichkeiten und eventuellen Gegenzüge und versetzt dementsprechend die Figuren. Hinter diesen harmlosen Fähigkeiten verbergen sich ungeahnte Aussichten für die industriellen und strategischen Konzeptionen eines zukünftigen Krieges.

Auch Eniac wurde im Hinblick auf den Krieg konstruiert. Es sollte eigentlich nur ballistische Probleme lösen, aber bald stellte sich heraus, daß es ganz ähnlich wie das menschliche Gehirn zu arbeiten schien. So wurde nach dem Kriege unter Mitarbeit bekannter englischer und amerikanischer Psychologen, Anthropologen und Neurophysiologen die Frage untersucht, wieweit jeder Kontrollmechanismus, ganz gleich ob Elektronenmaschine oder Gehirn, bestimmten allgemeinen Gesetzen gehorche. Dieser Meinungsaustausch hatte das überraschende Ergebnis, daß die Erfinder bei der Konstruktion von Denkrobotern von ähnlichen Prinzipien ausgegangen waren, wie sie den natürlichen Gehirnfunktionen zugrunde liegen, ohne diese aber zu kennen.