Die verdutzten Gesichter der Neuankömmlinge muß man gesehen haben, wenn sie aus der Drahtseilbahn vom Dampferlandeplatz an der Marina Grande heraufgekommen sind und nun auf der berühmten Piazza von Capri stehen. Sie zu beobachten, gehört zu den Vergnügungen der Stammgäste auf der Piazza, die dabei vergessen, daß sie selbst einmal auch so standen und ebenso entgeistert gafften.

Da kommt ein harmloser Groß- oder Kleinstädter mit oder ohne Familie in einem mehr oder minder eleganten Anzug, und ihm ist, als sei er unversehens mitten im Sommer und bei hellichtem Tage auf einen verrückten Kostümball geraten. Was da an den Tischchen der Kaffeehäuser sitzt oder dazwischen umherflaniert, sind Männer in geflammten, getigerten, gescheckten, gelben, roten, violetten Hemden, die fast bis an die Knie reichen, sind Frauen, die nur mit einem Busentüchlein und Dreieckshöschen bekleidet sind, dafür aber grellfarbige riesige Mexikanerhüte auf den Köpfen und kiloweise goldene, Armbänder an den Handgelenken tragen. Rechtschaffene Schuhe haben sie alle nicht an. Die allerletzte Capreser Mode heißt Barfußgehen, und wer sie noch nicht mitmacht, trägt eine Bast- oder Ledersohle, die durch bunte Riemen am Fuß befestigt wird. Hauptvergnügen ist das Umziehen.

Der Neuling schüttelt den Kopf über so viel Extravaganz, aber es vergehen keine drei Tage, da unternimmt er bereits die ersten schüchternen Versuche, sich zu akklimatisieren. Das erste, was geräuschlos in der Versenkung verschwindet, ist die Krawatte. Dafür wird ein buntes Tuch verwegen um den Hals geschlungen. Der nächste Schritt: man stülpt sich einen jener närrischen Strohhüte auf den Kopf, wie sie in den Läden für billiges Geld zu kaufen sind. Das Hemd läßt sich schließlich auch über statt in der Hose tragen, wenigstens so lange, bis nach verschämtem Zögern vor solcher Ausschweifung zuletzt doch ein richtiges Capri-Hemd erstanden wird, geflammt, getigert oder gescheckt... Die Mimikri der Darren ist schwieriger, weil sie mehr kostet. In den Capreser Läden liegen so viele verrückte, knallbunte, wenngleich zumeist sündteure Dinge, daß alles, womit man glaubte, während des Aufenthaltes auskommen zu können, sang- und klanglos in den Koffern verschwindet und durch funkelnagelneue Akquisitionen ersetzt wird.

Hat man lange genug auf Capri gelebt, so wird jede Fahrt nach dem Festland problematisch: die Garderobe, die man sich mit der Zeit zugelegt hat, kann nirgends auf der Welt getragen werden als nur auf Capri. Und – was fast noch schlimmer ist – der Feriengast verliert jedes Gefühl dafür, was er in einer "normalen" Stadt anziehen darf, ohne sich lächerlich zu machen. Freilich spricht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, daß die Mode, die in den letzten Jahren auf Capri entstanden ist, nur eine Vorwegnahme dessen darstellt, was demnächst überall getragen werden wird, soweit das Klima es gestattet. Denn was sich hier austobt, ist doch ein vitales Bedürfnis nach Freiheit, nach unbeschwertem Spiel, nach Farbe und Heiterkeit als berechtigte Reaktion auf die düstere Freudlosigkeit der Kriegs- und Nachkriegszeit. Man will wieder wissen und sich selber stündlich beweisen, daß nicht mehr die Uniform den Ton angibt. Der Satz "Erlaubt ist, was gefällt" hat wieder Geltung bekommen.

Im permanenten Capreser Karneval spürt man das früher und deutlicher als anderswo, weil die Menschen, die hierher kommen, dem Alltag den Rücken kehren wollen. Aber schon tauchen die geflammten Hemden auch auf Roms Via Veneto auf, und wer weiß, ob sie nicht in ein oder zwei Jahren auch die Züricher Bahnhofstraße, die Düsseldorfer "Kö", den Hamburger Jungfernstieg beherrschen werden... Percy Eckstein