Auf dem 52. deutschen Ärztetag in Hannover leitete vor allem der Wunsch, eine Gesundheitsverwaltung in Deutschland zu schaffen, die Vorträge und Gespräche. Aber auch auf die Gefahr einer wirtschaftlichen Verelendung der Ärzte wurde hingewiesen. 1952 wird es in Westdeutschland 72 000 Ärzte geben. Das sind 24 000 zuviel, wenn man auf 900 Menschen einen Arzt rechnet. Gleichzeitig werden die Mittel zur Bezahlung der ärztlichen Tätigkeit bei den Trägern der Sozialversicherungen sicher nicht zunehmen, Daher wurde von den Ärzten eine rigorose Einschränkung der Zulassung zum Medizinstudium gefordert.

Über die Moral der Ärzte kann nicht durch behördliche Aufsicht gewacht werden, da dann nur das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt Said Kranken in Gefahr gerät. Die Freiheit des Arztes darf zugunsten des Patienten nicht verlorengehen. Andererseits muß aber eine gewisse Aufsicht sein, um grobem Mißbrauch des Vertrauens durch einen unwissenden oder nicht moralischen Arzt vorzubeugen. Deshalb wurden in Hannover eine neue ärztliche Standesordnung sowie eine Facharztordnung beschlossen, über deren Innehaltung von den Ärztekammern gewacht werden wird. Sie verhindern Reklame, verlangen strikte Schweigepflicht, ständige Fortbildung und die Achtung vor dem keimenden Leben.

Aber nicht nur, damit diese Gesetze einheitlich ausfallen, wurde ein Bundesgesundheitsministerium gefordert. Eine großzügige Gesundheitsfürsorge in viel weiterem Rahmen als bisher soll in Deutschland einsetzen; Wie Ministerpräsident Kopf und die Referenten Dr. Haedenkamp und Dr. Rodewald ausführten, geht es in Deutschland den Regierungen und Ärzten um eine neue Formulierung des Gesundheitsbegriffes, die sich der Resolution des Weltgesundheitsrates anschließt. Hiernach hat jeder Mensch das Recht auf Gesundheit. Und Gesundheit ist nicht etwa ein Freisein von Krankheiten, sondern "völliges geistiges, körperliches und soziales Wohlbefinden". Es geht in Deutschland um das "Kapital" der Volksgsundheit, die nicht, wie im bisherigen Versicherungssystem, den Schwankungen der sozialen Konjunktur unterworfen bleiben darf. Flüchtlingsproblem, Wohnungsbau, Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie Gewerbehygiene gehören mit zu den Bereichen des neu zu schaffenden Ministeriums. Der Arzt soll seinem Kranken mit allen Mitteln der Wissenschaft dienen können und alle Mittel ausnutzen können, um Krankheiten verhindern zu können. Dabei sollen seine Entscheidungen unpolitisch vom Standpunkt der Sachkenntnis aus gefällt werden. Sozialhygiene soll zur Grundlagenforschung der medizinischen Wissenschaft gemacht werden,

Diese Forderungen können aufgestellt werden, da "im Bereich wissenschaftlicher Betrachtungsweise sich die Erkenntnis von der Entthronung der Naturwissenschaften durchgesetzt hat". Hierzu geht auch der Gedanke von Weizsäcker parallel, der die Haltung des Arztes als lakaienhaft bezeichnet, wenn der Kranke lediglich schmerzfrei gemacht wird oder sein Leben verlängert erhält, ohne daß sich der Arzt nach dem Sinn dieses weiteren Lebens fragt. Aber: wird je ein Arzt "unpolitisch mittels Sachkenntnis" entscheiden können, welche Mittel richtig sind, um allen Menschen auch nur ein seelisches wohlbefinden zu vermitteln? So formuliert zeigt sich die Hybris in der neuen Auffassung der Gesundheit. Einer der bedeutendsten deutschen Wissenschaftler sagte, als ihm hiervon berichtet wurde, nur trocken: "Die wollen also die Erbsünde abschaffen." – Und Professor Knack, Hamburg, meinte: "Wir Europäer überspitzen die Forderungen an unser Leben und dadurch leiden wir." So wurde in Hannover keine endgültige Entschließung über die Annahme des neuen Gesundheitsbegriffes der Vereinten Nationen für Deutschland gefaßt. – W. Renner