Von Jan Molitor

Wie im Hunger Jahr 1946 nicht weniger als 20 000 Lebensmittelkarten verschwanden – diesen für die Nachkriegszeit so bezeichnenden Fall hat "Die Zeit" in ihrer vorigen Ausgabe (Nr. 36 vom 8. September) zu schildern begonnen. Vor dem Anfang einer neuen "Zuteilungsperiode" waren die Kisten mit den neuen Lebensmittelkarten einem Düsseldorfer Polizeirevier zur Aufbewahrung gegeben worden. Ein Auto mit einem offenen Anhänger holte sie früh am Morgen ab, bevor das Wirtschaftsamt des betreffenden Stadtteils die Tore für das Publikum öffnete. Am Ziel angekommen, stellten der Fahrer und sein Begleiter fest: die Kisten mit dem damals enorm wertvollen Inhalt waren verschwunden. Große Erregung bei allen Dienststellen, selbst bei den höchsten ministeriellen Instanzen des Landes Nordrhein-Westfalen. Die Kriminalpolizei tappte im Dunkel. Allerdings erhielt sie die Auskunft der Frau eines Tankstellenwärtern, daß zur fraglichen Stunde ein britisches Militärfahrzeug am Straßenrand geparkt habe, dessen Fahrer allem Anschein nach sehr erregt gewesen sei. Sie notierte die Nummer des Wagens. Die Polizei stellte Nachforschungen an. Vergebens...

Wie kann ein britisches Militärfahrzeug unauffindbar bleiben? Die Wagennummern müssen doch irgendwo in Listen eingetragen sein! Warum hat man die Kraftwagen sonst wohl gekennzeichnet? Keine Antwort ... Vielleicht, daß es diese Fahrzeugnummer überhaupt nicht gibt. Wahrscheinlich, daß die Frau des Tankstellenwärters sich geirrt hat ...

Den Wagen mit dem angeblich aufgeregten Fahrer fand man nicht. Aber die 20 000 verschwindenen Lebensmittelkarten machten von sich reden. Man denke –: es war die Zeit, in der für eine einzige Lebensmittelkarte bis zu 200 R-Mark auf dem Schwarzen Markt bezahlt wurde. Und wie viele Menschen gab es schon, die sich eine solche Ausgabe erlauben konnten!

Verbreitet sich da eines Tages in einer Baracke, in der Flüchtlinge untergebracht sind, das Gerücht, an der Autobahn, und zwar in der Richtung auf Duisburg zu, könne man Lebensmittelkarten der gerade angebrochenen Zuteilungsperiode finden. Einzeln und heimlich machen sich die Leute auf, pilgern die Autobahn entlang auf der Suche nach dem modernen Glück. Ein Privatwagen, so heißt es, der auf der Asphaltbahn daherbrauste, habe mit seinen Rädern eine bunte Wolke von Papier aufgewirbelt. Die Leute wandern und suchen, stundenlang. Nichts. Aber abends kommen zwei Kinder, die Holz gesammelt haben, mit einem Packen Lebensmittelkarten an. Wenigstens hundert Stück. Ihren Eltern gehen die Augen über. Jetzt kann man endlich einmal einkaufen! Wie in alten Zeiten! Fett, Fleisch, Zucker! Der Kaufmann, der Fleischermeister, sie nehmen keinen Anstoß an den Abschnitten der Karte. Die Marken sind echt. So echt, daß es außerdem ein Leichtes ist, sie für je mindestens hundert R-Mark zu verkaufen. Die Kinder haben einen Wert von wenigstens zehntausend Mark gefunden. Welcher Segen!

Heimliche Prozessionen ziehen fortan die Autobahn entlang. Viele Glückssucher finden tatsächlich etwas, ein Dutzend Lebensmittelkarten oder ganze Packen davon, leicht verklebt durch die Feuchtigkeit der Witterung; aber man kann sie voneinander lösen, trocknen, zum nächsten Laden tragen oder auf den Schwarzen Markt bringen, Doch solche Funde bleiben nicht verborgen. Bei vielen Familien erscheint die Polizei und sammelt die Karten, soweit sie noch vorhanden sind, wieder ein

Es wird aber klar, daß die Lebensmittelkarten, die auf diese Weise gefunden wurden, auf sozusagen einen Überfluß darstellen. Man hört von einem Manne, der eine ganze Aktenmappe damit habe füllen können. Er habe obendrein alle Taschen vollgestopft. Keine Frage, daß es sich bei alledem um Karten handelt, die zu den geraubten 20 000 Stück gehören. Die Diebe besaßen offensichtlich so viele davon, daß sie nicht sonderlich achtzugeben brauchten. Keine Frage außerdem, daß der Schwarze Markt wie nie mit echten Lebensmittelkarten überschwemmt ist, nicht nur in Düsseldorf, auch in Essen, in Dortmund Sogar in Hamburg tauchen die Düsseldorfer Karten auf. In bestimmten Gegenden dieser Städte hat man nie so billig Lebensmittelkarten kaufen können.... Die Polizei ist sehr aktiv. Aber kann sie etwa so viele Karten einzeln beschlagnahmen? 20 000 Stück? Und schon geht es auf das Ende der Zuteilungsperiode zu...