In tschechischen Zeitungen, die man wohl ohne Unterschied als ausgesprochene Verkünder der "Stimme ihres Herrn" bezeichnen kann, wurden in diesen Tagen bemerkenswerte Feststellungen zu dem Thema Verstaatlichung und Überzentralisierung gemacht. Man konnte dabei u. a. folgende Sätze lesen: "Die Betriebe werden vielfach durch Schwerfälligkeit und Bürokratie in der Entfaltung gehemmt. Die Direktionen haben zu große Vollmachten an sich gerissen, und die Leiter der eigentlichen Erzeugung haben damit zu wenig Selbständigkeit gehabt. Jede Kleinigkeit muß einem Zentraldirektor vorgetragen werden; aber auf die Erledigung habe man dann lange warten können." Mit solchen Feststellungen versuchen jetzt die Maßgebenden in Prag einen Zustand zu entschuldigen, den sie durch Verstaatlichung und Überzentralisierung selbst geschaffen haben. Man ist im ersten Taumel der Verstaatlichung zu weit gegangen und versucht nun "den Weg zurück" zu gehen, wobei es interessant ist, wie anonyme Verantwortlichkeiten für das Versagen gesucht werden. Das Wesentliche aber ist, daß die für das Chaos Verantwortlichen jetzt wieder damit betraut wurden, das Durcheinander zu entwirren...

Man versucht es nun mit folgendem Plan: Betriebe und Werke eines Bereiches sollen zwar weiter unter dem Dach eines Hauptunternehmens zusammengefaßt sein, aber das Zusammengehen soll sich nur auf die gemeinsame Aufstellung eines Erzeugungsprogramms beschränken. Die Direktoren der einzelnen Werke sollen die notwendigen Betriebsvollmachten haben und dann auch die Verantwortung tragen. Es soll jedes Unternehmen sein Stammkapital besitzen und jede Werkstätte durch eine eigene Buchhaltung Rechenschaft geben. Im großen "Eintopf" einer umfassenden Konzernbuchhaltung hatten sich Gewinne und Verluste einander ausgeglichen und man wußte nicht mehr, wo der Tüchtige und wo der Versager zu suchen war. Nun soll also jedes Werk wieder eine selbständige Betriebseinheit werden. Die Gewinne sollen zum Teil im Betrieb selbst bleiben und zum Teil für die Belegschaft verwendet werden, insbesondere zur Prämiierung von Sonderleistungen (so sagt man wenigstens).

Es ist auch ein bemerkenswerter Zug von der Anonymität zur Persönlichkeit festzustellen. Bisher war immer von "Direktionen die Rede gewesen, nun bemüht man sich wieder die "Direktoren" anzusprechen. Die "Tvorba" schreibt: "Die neue Organisation rechnet mit einem neuen Typ von Direktoren. Sie müssen vor allem organisatorische Fähigkeiten und politische Reife besitzen." Damit wird aber zugleich gesagt, daß sich im Grunde nichts ändern wird. Das betriebswirtschaftliche Unglück ist ja, daß die "politische Reife" (wie sie Gottwald meint) und die fachliche Eignung (wie das Werk sie braucht) in der Regel nicht von den gleichen Menschen verkörpert werden. Man muß sich für das eine oder für das andere entscheiden und wird also weiter – mit der gleichen Wirkung wie bisher – die politische Erwägung über die wirtschaftliche stellen.

Grundsätzlich ist nach der Propaganda in den Volksdemokratien immer alles gut. Nur kleine Fehler werden sozusagen am Rande des Geschehens eingestanden. Solange es irgendwie angängig war, hat man imaginäre Widerständler und die alte Reaktion verantwortlich gemacht. Bis zum Februar 1947 sind Fehler überhaupt nur entstanden, weil Gottwald nicht allein Herr im Hause war. Inzwischen hat man die Alleinherrschaft erzwungen, und es geht schlechter als vorher. Mit den alten Begründungen kann man aber nicht mehr gut operieren und erfindet deshalb das neue Schlagwort von den "Wachstumsschwierigkeiten".

Die Zeitungen enthalten salbungsvolle Redensarten: Die Unternehmen sollen mehr erzeugen, keinen Ausschuß machen, Rohstoffe nicht verschwenden, die Kosten senken... – es sind Eingeständnisse von Unzulänglichkeiten als Empfehlungen formuliert. "Die Produktionskontrolle muß geändert werden" erklärt der Nationalbankgouverneur Dr. Nebesář. Man hat bisher nur mit Kopfquoten gerechnet und nicht gefragt, ob mit Gewinn oder Verlust gearbeitet wurde.

In der Privatwirtschaft folgt einem solchen Verfahren unweigerlich der baldige Bankrott. In der Staatswirtschaft bezahlt es der Bürger mit Einbußen in der Lebenshaltung. J. Bs.