Von Uta v. Witzleben

Für den Fremden, der zum erstenmal in die Provence kommt, gibt es nur zwei Möglichkeiten", sagte Doktor Daniel, als der Autobus, mit dem wir zu seinem Landhaus hinausfuhren, das enge Araberviertel von Marsaille durchquert und die letzten Häuser der Stadt hinter sich gelassen hatte. "Entweder er wird hingerissen sein und den Zauber des Landes mit jedem Atemzug in sich einsaugen oder er wird ganz ungerührt und ablehnend bleiben. Er wird entweder sagen: Die Provence ist eine heroische, romantische und gleichzeitig liebliche Landschaft.’ (Nirgends gibt es so viele Ruinen, soviel verlassene Häuser, in denen Efeu und grüne Sträucher wuchern.) Oder aber er wird sagen ..." Der Doktor schwieg, denn wir waren angekommen.

Deutsche Zivilarbeiter

"Diese Leute hier im Süden haben überhaupt keine Zivilisation, fast überall fehlt eine moderne Kanalisation. Meine Frau muß das Wasser an der Pumpe holen und die Wäsche im Freien waschen", sagte ein freiwilliger deutscher Arbeiter, einst Metzger in Dortmund, jetzt Treckerführer bei einem Ernteunternehmer. Seine Frau, ein sauberer, blanker Gretchentyp, vor drei Wochen erst nachgeholt, hat sich die Provence anscheinend auch anders vorgestellt: die dicken Frauen vor den Haustüren, die nie Hausputz halten, die Männer mit den ewigen Baskenmützen und blauen Trikots, auf die die bunten Barschilder an jedem dritten Haus wirken wie der Fliegenleim auf die unzähligen Fliegen, die diese Jahreszeit hervorbringt. Immerhin wird in diesem Lande des Pfeffers, der Oliven und des Knoblauchs die deutsche Küche anerkannt, vor allem die feinere Kuchenbäckerei. Im großen ganzen ist aber Südfrankreich, wo sich außer einstigen Kriegsgefangenen keiner etwas unter Schwarzbrot vorstellen kann, keine Gegend, in der die deutsche Geschäftigkeit auf die Dauer bestehen kann. Energiegeladen reibt sie sich an dem Rhythmus des Lebens, den die Hitze bedingt, wund und verfällt unter Umständen schließlich in eine Gleichgültigkeit, mit der verglichen die ewige Nonchalance der Einheimischen wie streng geregelte Ordnung wirkt.

Nicht jeder hat das Glück, die "rechte Hand" eines Ernteunternehmers zu sein, der viel Geld an der Tatsache verdient, daß in den ausgedehnten wasserlosen Gebieten der Provence die Bauern zu arm sind, sich eine eigene Mäh-Dresch-Maschine zu kaufen. "Ick hab’ et nich für möglich jehalten", sagt Alfred, von Beruf Kesselschmied aus der Mark Brandenburg, "daß man auf einem ärmlichen deutschen Bauernhof noch besser lebt als auf einer ,ferme‘ von 100 Hektar in der Provence." Dabei besitzt dieser Hof sogar einen Traktor, und zwar einen amerikanischen, denn in Frankreich wurden bisher kaum Landmaschinen gebaut. Dafür gibt es keine Kuh auf dem Hof. Der ganze Reichtum besteht aus zwanzig Schweinen und einer Schafherde. Alfred verdient wie alle Landarbeiter 6600 Francs bei freier Verpflegung und Unterkunft. Außerdem hat er Anspruch auf anderthalb Liter Pinard, den offenen roten Landwein, pro Tag. Der Kalorienwert eines halben Liters soll dem eines Beefsteaks gleichkommen. Sorgen hat er, weil das Geld nicht reicht –; ein Paar Arbeitsschuhe kosten etwa 3000 Francs –; Ärger hat er, weil die französischen Mädchen den Deutschen gegenüber dank da – schlechten Erfahrungen aus der Zeit der resistance noch immer sehr zurückhaltend sind; es gefällt ihm wenig, daß er trotz des großen Tropenhelms die Hitze bei der mühsamen Arbeit an den Weinstöcken und in den Melonen schlecht verträgt; außerdem hat er die ewigen Suppen mit dem eingeweichten Weißbrot satt. Das Nachkriegsdeutschland scheint ihm, aus seiner augenblicklichen Perspektive gesehen, ein reines Paradies zu sein.

Die Franzosen ihrerseits sind alle sehr freundlich, loben das Verhalten der deutschen Soldaten während der Besatzungszeit; belächeln milde spottend alles, was sie als typisch deutsch unter dem Wort "Disziplin" zusammenfassen, und wollen im Grunde weiter nichts als ihren Frieden. Und doch kann die Propaganda sie mit einem Schlag wieder "wild" machen, wie Alfred sich ausdrückt. Ein antideutscher Film genügt schon. "Vorher wollten sie noch einen mit mir trinken gehn, aber danach verdrückten sie sich an der Wand lang und sagten nur noch leise ‚Bonne mit, Alfred Am nächsten Tag war alles wieder in Ordnung."

Der Mann mit der Mütze