Von Richard Merton

Der Verfasser, Präsident der deutschen Gruppe der Internationalen Handelskammer, macht Vorschläge zur Reform des Marshall-Planes.

Schon seit längerer Zeit wird in den Vereinigten Staaten Kritik an der OEEC, der Organisation für europäische Zusammenarbeit, geübt. Mit Recht wird darauf hingewiesen, daß der innereuropäische Handel fast ausschließlich auf bilateraler Basis stattfinde, während das Ziel doch sein müsse, ihn multilateral zu entwickeln. Es wird ferner immer von neuem die Wiederherstellung der freien Austauschbarkeit der Währungen gefordert. Gerade weil diese Kritik und diese Forderungen berechtigt sind; muß man sich vom europäischen Standpunkt aus einmal überlegen, welche Schwierigkeiten ihrer Erfüllung entgegenstehen. Derartige Überlegungen sind nun kürzlich auf dem Kongreß der Internationalen Handelskammer in Quebec ’angestellt und zum erstenmal in eine konstruktive Kritik zusammengefaßt worden.

Die Anregungen, die dort zur Verbesserung des derzeitigen Systems gemacht wurden, gipfelten in dem Vorschlag, die Vereinigten Staaten sollten nicht wie bisher die Dollarbeträge, die sie als Kredit oder als Zuschuß zur Verfügung stellen, an Warenlieferungen binden, sondern vielmehr den Marshall-Plan-Ländern den Dollar frei zur Verfügung stellen. Durch die Bindung der Marshall-Hilfe an die Verpflichtung, bestimme Waren zu beziehen, bekommt das heutige System der Marshall-Plan-Durchführung zwangsläufig bilateralen Charakter. Da außerdem die sogenannte Dollarklausel bestimmt, daß die durch gegenseitige Warenlieferungen nicht ausgeglichenen Spitzen im Handelsverkehr der Teilnehmerländer untereinander in baren Dollars ausgezahlt werden müssen, ist jeder Handelspartner ängstlich darauf bedacht, vom anderen nicht mehr zu kaufen, als er gleichzeitig an ihn verkauft. Auf diese Weise hat sich allmählich eine allgemeine Tendenz zur Einschränkung des Handelsvolumens herausgebildet, also genau das Gegenteil von dem, was der Marshall-Plan eigentlich beabsichtigt.

Wenn den Empfangsländern freie Dollarguthaben zur Verfügung ständen, würde der Umfang des intereuropäischen Handels zweifellos erheblich anwachsen, zumal sich auf diese Weise ein multilaterales Handelssystem von selbst ergeben würde. Man wird wahrscheinlich damit rechnen kennen, daß jeder freie Dollar, verglichen mit dem gebundenen Dollar von heute, den doppelten Nutzeffekt in Europa hervorbringen wird. Die Kürzung der Marshall-Plan-Gelder, die soeben eingetreten ist, könnte dann leichter ertragen werden und vielleicht könnten in den noch verbleibenden Marshall-Plan-Jahren sogar noch weitere Reduktionen vorgenommen werden, ohne daß eine Schädigung des europäischen Wiederaufbaus eintritt. Nur auf diese Weise würde im übrigen das Aufhören des Marshall-Planes im Jahre 1952 nicht die katastrophale Wirkung haben, die es bei Fortdauer dieses Systems vermutlich haben wird.

Wenn der Kongreß sich zu einer Umstellung auf den freien Dollar entschließen könnte, wenn also die Notenbanken aller Marshall-Plan-Länder über ein freies Dollarakkreditiv in den USA verfügten, so würde dadurch zugleich das Vertrauen in die verschiedenen europäischen Währungen (in welcher Parität sie auch zum Dollar festgesetzt sein mögen) erheblich gestärkt. Gewiß verliert der Kongreß bei einem solchen System jeglichen Einfluß auf die Auswahl dessen, was die Empfangsländer von den Vereinigten Staaten beziehen. Die Summe der Gesamtbezüge würde aber die gleiche sein; denn letzten Endes müssen die Dollarguthaben zum Ankauf von Ware immer wieder zu den Vereinigten Staaten zurückfließen. Inzwischen aber könnten sie – da sie übertragbar sind –, ehe sie ihrem letzten Zweck dienen, die europäische Wirtschaft vielfältig befruchten.

Auch das zweite Ziel, nämlich die freie Austauschbarkeit der Währungen im Rahmen des Handelsverkehrs (natürlich nicht des Kapitalverkehrs), wäre erreichbar, wenn man sich zu dem System des freien Dollars entschließen könnte. Um diese freie Austauschbarkeit zu fördern, gleichzeitig aber auch um eine dauerhafte Zusammenarbeit der europäischen Länder zu gewährleisten, habe ich in Quebec den Vorschlag gemacht, die von den USA den europäischen Ländem zur Verfügung gestellten Beträge über die Bank für Internationale Zahlungen (BIZ) in Basel zu leiten. Die BIZ würde entsprechend dem vorliegenden Verteilungsplan die Mittel den einzelnen Marshall-Plan-Ländern zur Verfügung stellen. Sie soll im übrigen ermächtigt sein, einen gewissen Bruchteil der Gesamtsumme (5 oder 10 v. H.) zurückzubehalten, um einen Reservefonds zur Verfügung zu haben, der gegebenenfalls zu Währungsstützungen dienen soll.