Von Walter Henkels

Nanche Leute hatten etwas spitz gesagt: Bonn? Ach, ist das nicht die kleine Residenz mit Serenissimus und Kindermann? Ist das nicht das Städtchen am Rhein, wo sie noch die Kühe am Abend zur Tränke treiben und der Schwager Postillon sich fröhlich eins bläst, wenn er im leichten Trab mit seinen Rössern durchs Rheintal womöglich von Frankfurt – herunterkommt? So ähnlich, mit einem Quentchen Bosheit, füllte es die Spalten etlicher Journale, auch im Ausland. Doch die Bonner und der Ministerialdirektor Wandersieb dachten an das Sprüchlein der Berliner: Nachtigall, ick hör dir trapsen! Sie gingen mit aufgekrempelten Ärmeln und Fensterleder an die Butzenscheiben, und in dem verblüffenden Zeitraum weniger Monate war aus der Serenissimus-Residenz das geworden, was phantasievolle Leute das deutsche Klein-Washington nennen, die endgültige, vorläufige Bundeshauptstadt der Bundesrepublik Deutschland.

Wieviel Abgründiges hinter den Kulissen und im politischen Dschungel auch geschehen sein mag, eins bleibt sicher: auch dem Menschlichen gebührt ein Platz. Das Menschliche ist, daß die Abgeordneten keine Götter sind, auch keine Halbgötter, und daß wir ordentlich an ihrem Thron wackeln wollen, falls sie glauben, es zu sein. Sie sehen aus wie Oberlehrer, Opernsänger, Handwerksmeister oder Kaufleute. Es ist tröstlich und gut, daß alles beisammen sitzt, der Fürst Fugger von der CDU, der Landwirt Herbert Kriedemann von der SPD und der Bergmann Max Reimann von der KPD. So steht es in der Kartei.

Die beiden ältesten Abgeordneten, dreiundsiebzig Jahre alt, sind, wie man weiß, Paul Lobe und Konrad Adenauer, jeder ein Stück deutscher Geschichte für sich. Als Paul Löbe schon auf dem Präsidentenstuhl des Reichstages der Weimarer Republik saß, nämlich 1920 bis 1922, wunden die drei jüngsten Bundestagsabgeordneten geboren. Es sind von der Zentrumspartei der Musikstudent Ribbelheger aus Haltern in Westfalen, von der SPD der Schwerkriegsbeschädigte (Bundessekretär Bazille aus Stuttgart, ehemals Offizier der deutschen Wehrmacht, und Hans Löfflad aus Nördlingen, Kraftfahrer des WAV-Vorsitzenden Alfred Loritz. Ja, Loritz hat, alles bedenkend, seinen Fahrer auf die Landesliste gesetzt. Denn, nicht wahr, Löfflad bezieht Diäten, und Herr Loritz spart das Gehalt für den Fahrer. Wir wollen nicht gering von den Kraftfahrern denken, sie sind in der Politik sicher unverbildeter als manche ihrer Chefs, aber Loritzens Einfall war nicht schlecht. Zudem ist Löfflad ein sehr sympathischer und aufgeweckter junger Mann. Wir haben hier eine außerordentliche Situation vor uns, wie sie in der deutschen Parlamentsgeschichte noch nicht da war.

Man kann nicht sagen, daß der Bonner Bundestag ein "illiterate Parliament", ein Parlament ohne wissenschaftliche Bildung sei, wie das englische Parlament aus der Zeit Heinrichs IV. genannt wurde, obgleich ein bayerischer Abgeordneter, wie bekannt ist, beim Parlamentsbüro schriftlich ein "Brifad"-(Privat)-Zimmer bestellt hatte. Unter den Bonner Abgeordneten sind nämlich – respektable Zahlen! – dreizehn Professoren und weit mehr als hundert Doktoren vertreten. Daß die SPD zwei Pfarrer als Abgeordnete in ihren Reihen aufweist (Priebe, Uelzen und Dr. Wenzel, Braunschweig), läßt die Vermutung aufkommen, daß diese Partei gar nicht so antikirchlich sein kann, wie es manchmal den Anschein hat. Auch anderwärts hat sich manches geändert. Der Hauer Grundmann aus Herne, 29 Jahre alt, sitzt in Bergmannstracht als Abgeordneter auf den Banken der "kapitalistischen" FDP. Dr. Leuchtgens von der National-Demokratischen Partei mit rauschendem Barte könnte Turnvater Jahn selber sein. Und man soll nicht sagen, daß der sehr charaktervoll aussehende Abgeordnete Ahrens von der Deutschen Rechtspartei, der einstige Kommodore des einstigen Ozeandampfers "Bremen", eine schlechte Figur mache.

Von den silbernen Löffeln, die am laufenden Band aus dem Parlamentsrestaurant verschwanden, zu den Kriminalbeamten, die jetzt im Bundeshaus heimlich aber dekorativ die Gefährlichkeit der Politik vor Augen führen, ist nur ein kleiner Schritt. Sie streichen, jeden mit Argwohn musternd,durch das Labyrinth der Stockwerke und Zimmerfluchten. Der Bonner Fortschritt greift aber noch viel weiter um sich. Voller Hast wurde im Entbindungsheim der Stadt die Zahl der Betten um achtzig erhöht. Eine gesegnete Epoche sehen die Stadträte heraufziehen, und es muß ihnen gestattet sein, ohne von Frankfurt gerüffelt zu werden, ihre Vorsorge auch auf das entlegene Gebiet der Niederkünfte und Entbindungen auszudehnen.

Registrieren muß man leider auch, daß abends auf den Rheinpromenaden, frisch den Fluten entstiegen, flüsternd und gewerbsmäßig Rheinnixen promenieren. Über diesen dunklen Punkt sollte der Besen der öffentlichen Moral fahren, ehe ein halbzerschellter Nachen ans Ufer geworfen wird. Den betörenden Sirenensang möchte man auf Heinrich Heines Loreley-Poem beschränkt wissen, keinesfalls aber an Deutschlands Wiege der Erneuerung hören.