Von Gerhard Marcks

In der Hamburger "Galerie der Jugend" sind gegenwärtig Werke des ostpreußischen Malers Alfred Partikel ausgestellt – eine Ausstellung, die sein Freund, der bedeutende Bildhauer Gerhard Marcks, eröffnete. Er nimmt das Andenken an Partikel zum Anlaß, sich über Ausdrucks- und Formprobleme der modernen Kunst zu äußern, zumal über die Frage um gegenständliche oder abstrakte Malerei.

Der Name Alfred Partikel ist in Westdeutschland nicht sehr bekannt geworden. Das Unglück wollte, daß die große Mehrzahl – und auch die charakteristischsten – seiner Werke in der allgemeinen Katastrophe zugrunde gegangen sind. Es blieb nur ein Rest.

Alfred Partikel, der 1945 mit 56 Jahren verschollen ist, war nach Geburt und Abstammung Ostpreuße. Er begann seine künstlerische Laufbahn auf der Akademie Königsberg, ging bald nach München und Weimar. Als Autodidakt bildete er sich weiter an den Franzosen des XIX., den Italienern und Niederländern des XVII. und den Deutschen des XV. Jahrhunderts. Um die Zeit des ersten Weltkrieges setzte er sich mit dem Expressionismus auseinander: In Macke fühlte er Verwandtes; Klee und Kandinsky blieben ihm, wie er sagte, "ein Buch mit sieben Siegeln".

Heute stehen die esoterischen Probleme im Vordergrund der Kunst: "Tot ist die Erde – wer mag ihr dienen?" Der Zeitgeist beurteilt heute den Künstler danach, ob er magischstilistischer Bahnbrecher ist, und fragt: ‚Was hat er für die Abstraktion geleistet?‘ Diese Seite der Kunst war Partikels Stärke nicht. Bei seiner Arbeit handelt es sich noch um "die Natur durch ein Temperament gesehen". Die Welt zum Auge hinein, und zum Pinsel hinaus! Und so sehr ihn die Farbe als reiner Ausdrucksträger beschäftigte, so hätte er doch mit seinem großen Landsmann Corinth sagen können: "Ich male, wie ichs gelernt habe." Die Farben- und Formprobleme werden unaufdringlich und sozusagen liebenswürdig behandelt, ohne Angst vor erprobter Konvention.

Ein anderes ist das Problem der Generation, ein anderes die Harmonie des einzelnen Kunstwerks. Es gibt heute ein Schimpfwort, das heißt: "Impressionismus". Wenn damit die Ewig-Gestrigen getroffen werden sollen, so ist das ein erlaubter Jargon, wenn aber darunter die künstlerische Anteilnahme an der Außenwelt verstanden wird, so darf man wohl an Schillers Abhandlung über "naive und sentimentale Dichtung" erinnern. Orientalische Weltverneinung aber führt schließlich auch zur Kunstverneinung und dürfte dem europäischen Geist nicht gemäß sein. Warten wir ab, ob nicht neben dem gesuchten Sinnbild das gefundene Abbild Geltung behält. Der Geist zeigt sich uns ja nicht unmittelbar, sondern durch den Spiegel der Schöpfung. "Glaube mir", sagt Goethe, "das Unterirdische geht so natürlich zu als das Oberirdische, und wer bei Tage und unter freiem Himmel nicht Geister bannt, ruft sie um Mitternacht in keinem Gewölbe." Cézanne drückt das so aus: "Es ist leichter, Gott durch ein Kreuz darzustellen, verstehen Sie, als durch den Ausdruck eines Gesichtes."

Es wäre also nur zu fragen, ob photographische Zufallsausschnitte präsentiert werden oder ob dem Naturgeschehen eine künstlerische Empfindsamkeit, ein ordnender Geist entspricht. Partikels Hauptthema war die Landschaft, und zwar die ostdeutsche Landschaft mit ihren weiten Horizonten, gläsernen Himmeln und harten Lüften. Kann man aber Rembrandt und Seghers ganz verstehen, ohne Holland mit seiner Scheinwerfersonne zu kennen, Renoir ohne die süße Luft Frankreichs, Munch ohne nordische Sommernacht? Die westliche Landschaft lag ihm nicht, die südliche trotz des verehrten Claude Lorrain noch weniger.

Die Liebe zur Natur war groß und ursprünglich bei diesem einfach-ländlichen Menschen, der noch viel vom Typ des Fischers, Jägers und Bauern – als Kraft wie auch als Gefahr – an sich hatte, und der in der Großstadt wie eine Dissonanz wirkte. Er war gewiß kein Theoretiker, kein Intellektueller, aber er war ein Mann, kein Herrchen. Und eine beschämend zarte Seele saß, ähnlich wie bei Leibl, in seinem bärenhaften Körper, seine Pranke führte einen geradezu zierlichen Pinsel. War er kein Rufer im Streit, so liebte er auch die Schockwirkung nicht und Hysterie und Perversität sucht man bei ihm vergeblich. Sollte man sich nicht die Zeit nehmen, sich unvoreingenommen dieser Welt hinzugeben?