Die eisenschaffende Industrie gehört in vielerlei Hinsicht zu unseren großen Sorgenkindern. Die gemeinhin als „organische Entflechtung“ bezeichnete Zerschlagung hat die Gesamtlage weiter verworren und die Zukunftsaussichten verdüstert. Der Stahlverein, eines der repräsentativsten Unternehmen der deutschen Wirtschaft, hat nun nach sechsjähriger Pause sein Nachkriegsdebüt gegeben, sich wieder einmal seinen Aktionären vorgestellt und Bilanz gezogen. Die Frage, wem gehört der Stahlverein und was gehört ihm nicht mehr, liegt nahe. Wir wollen nach seiner Hauptversammlung einmal versuchen, dies zu beantworten.

Längst sind die Zeiten vorbei, in denen in den 28 Schachtanlagen und 66 Eisenwerken des Konzerns 242 000 Arbeiter und Angestellte einen jährlichen Umsatz von rund 2,5 Milliarden erarbeiteten und 15 v. H. der deutschen Kohlenförderung und 34 v. H. der deutschen Stahlerzeugung das Firmenzeichen der drei in den Kreis gestellten „U“ trugen. Heute sind es monatlich rund 80 Millionen DM Umsatz, im Jahre 1949 werden es vielleicht gerade 1 Milliarde werden, und die Belegschaft schwankt zwischen 67 000 bis 70 000. Und doch hat man noch 460 Millionen RM Aktienkapital und über 300 Millionen RM Reserven in der Bilanz per 30. September 1945 ausgewiesen.

In der Hauptversammlung in Düsseldorf Waren 314,7 Millionen DM vertreten. Die Rheinische Stahlwerke AG. war mit 72 Millionen RM unverändert wie früher anwesend. Was ehemals der preußische Staat von Dr. Fritz Thyssen beschlagnahmt hatte, war jetzt als Besitz der „Gewerkschaft Preußen“ vom Wirtschaftsministerium Nordrhein-Westfalen mit 86,2 Millionen RM angemeldet. Es folgen dann in der Präsenzliste unter den großen Posten die Banken, die im wesentlichen Depotaktien ihrer Kunden vertraten, von denen der Staatssekretär a. D. Schmid erklärte, daß er 60 000 als Schutzherr vertrete (und deshalb auch in den Aufsichtsrat gewählt wurde). Diese 60 000 Kleinaktionäre hätten einen Durchschnittsbesitz von je knapp 5000 RM, so daß etwa 280 bis 300 Millionen RM von dem Aktienkapital von 460 Mill. RM in diesen Händen liegen würde. Die Präsenzliste zeigte die Rhein-Ruhr-Bank mit 45,75, die Rheinisch-Westfälische Bank mit 29,87, den Bankverein mit 15,3, die Norddeutsche Kreditbank mit 10, die Hessische Bank mit 4,8, Sal. Oppenheim mit 3,93 und Nordwest-Bank Hannover mit 2,05 Millionen RM.

Was steht diesem Aktienkapital an Werten noch gegenüber, was ist also verlorengegangen? Nach 1 Milliarde RM Kriegsschäden, wovon rund 250 Millionen RM vom Reich bereits während des Krieges zurückerstattet worden waren, weist der Stahlverein in seiner Bilanz die Anlagen mit 1,78 Milliarden RM aus, denen Wertberichtigungen von 1,21 Milliarden gegenüberstehen. Die Beteiligungen sind mit 737 Millionen aktiviert. Aber die Nachkriegszeit brachte neue und die entscheidenden Verluste. Durch Demontage, vorwiegend bei der Thyssen-Hütte und Gelsenberg-Benzin sind buchmäßig 550 DM verlorengegangen, auf der Basis der Wiederbeschaffungspreise von jetzt praktisch 1,2 Milliarden DM! Die geniale Idee der Entflechtung kostete 1947 im März das Hüttenwerk Hoerde, im Juni Gußstahlwerk Witten, Gelsenkirchener Gußstahlwerke, Stahlwerk Krieger, im Juli die Hütte Ruhrort-Meiderich und die Geisweiler Eisenwerke AG- und im Dezember den Schalker Verein. Das Jahr 1948 kostete im Februar die Friedrich-Wilhelms – Hütte, den Gießerei – Hüttenbetrieb Meiderich und den Hochofen – Hüttenbetrieb Meiderich, im März Poensgen Düsseldorf, Thyssen Mülheim, Thyssen Dinslaken, und im April kam die Niederrheinische Hütte an die Reihe. Im Zuge der weiterhin neuordnenden Bestimmungen des Gesetzes 75 sind neue Ausgliederungen angekündigt.

Was sagt die Verwaltung als Fazit dieser Plus- und Minuskosten? Sie sagt – und da müssen wir sie bewundern – durch den Mund des gekannten Kölner Bankiers, ihres stellvertretenden Aufsichtsrat-Vorsitzers, Dr. Pferdmenges: die Finanzlage gibt zu Bedenken keinen Anlaß, die Vermögenslage ist wegen der noch nicht abgeschlossenen Ausgliederungen und des Lastenausgleichs unübersichtlich, der innere Wert der Aktie entspricht keineswegs dem heutigen Börsenkurs (amTage der Hauptversammlung 14 1/4 v. H.), und trotz der großen Verluste ist die innere Lage des Unternehmens gefestigt.

Zu diesem Fazit müssen wir gratulieren und meinen, daß es nicht eine Spekulation, sondern auf den vorzüglichen Reserven aufgebaut ist, die der Stahlverein einst hatte und die er jetzt wohl ohne Schnitt für die Aktionäre zum Einsatz bringen mußte und gebracht hat. Die Prognose über die künftige wirtschaftliche Entwicklung war optimistisch, so daß die 60 000 Schützlinge des Herrn Schmid, die Handvoll mittlerer Aktionäre und die zwei „ganz Großen“ wohl zufrieden sein können. Rlt.