Von Peter Kleist

Ein volles Jahrzehnt ist vergangen, seit jener Krieg ausbrach, der Deutschland in sein gegenwärtiges Unglück gestürzt und Europa zu einem Erdteil der Unruhe, der Spaltung, der permanenten geistigen und realen Kämpfe gemacht hat. Die Schuld Hitlers an alledem ist offenbar, aber es fehlen bis heute Schilderungen wirklich eingeweihter Männer über Einzelheiten der Ereignisse, die diesem zweiten Weltkriege vorangingen. Der Autor unserer neuen Veröffentlichungsreihe, Peter Kleist, war Angehöriger des Auswärtigen Dienstes und in dieser Eigenschaft unmittelbarer Augenzeuge von Geschehnissen, deren Folgen die Welt bewegten. Er schildert in folgenden Aufzeichnungen nicht mehr und nicht weniger, als was er selbst erlebt und kritisch beobachtet hat – In dem Sturzbach der Ereignisse des Jahres 1939 ist die Reise Ribbentrops nach Warschau vom 26. Januar 1939 rasch in Vergessenheit geraten. Dennoch stellte sie einen der großen politischen Wendepunkte dieses Jahres dar. Zwei Besuche Becks, des polnischen Außenministers, bei Hitler in Berchtesgaden und mehrere Unterhaltungen des polnischen Botschafters Lipski mit Ribbentrop dienten dieser Reise als Vorbereitung. Der Tenor dieser Unterhaltungen war der Versuch Deutschlands, Polen in das System des Antikominternpaktes einzubeziehen und eine Lösung des Danzig- und Korridorpioblems zu erzielen. Beck berichtet über seine Unterredung mit Reichskanzler Hitler vom 5. Januar 1939 folgende Äußerung Hitlers: „Für Deutschland ist Rußland, ob zaristisch oder bolschewistisch, gleich gefährlich...“ Aus diesen Gründen sei ein starkes Polen für Deutschland eine reine Notwendigkeit. Hier’bemerkte der Reichskanzler, daß jede gegen Rußland eingesetzte polnische Division eine entsprechende deutsche Division erspare. Damit ist der Zweck des damaligen Ribbentrop-Besuches in Warschau umrissen: er sollte in Gesprächen mit dem Staatspräsidenten Moszicki, dem Marschall Rydz-Smigly und dem Außenminister eine endgültige Stellungnahme Polens erzielen.

Wir kamen in der Dunkelheit des Januarabends auf dem Warschauer Hauptbahnhof an, der, weil er sich wie immer im Umbau befand, einen sehr wenig repräsentativen Rahmen für die Zeremonie der Begrüßung bot. Eine Ehrenkompanie präsentierte, deren Uniform mir sehr merkwürdig erschien. Ich befragte den Leiter der Kulturabteilung des polnischen Außenministeriums, Ministerialrat Wzdienkonski, um welche Truppe es sich handele. Es war eine Polizeiformation. „Aber eine ganz besondere Elitepolizeitruppe, so wie bei Ihnen die SS“, versicherte mir Wzdienkonski.

Die äußere Form des Besuches hatte den üblichen Glanz solcher Staatsangelegenheiten. Festessen beim Staatspräsidenten, glänzender Empfang beim Außenminister, Empfang beim deutschen Botschafter und so weiter. Warschau zeigte sich von seiner besten Seite und wußte seinen alten Ruf eines östlichen Klein-Paris zu erneuern. Aber alle pariserische Liebenswürdigkeit und östliche Gastfreundschaft ließen doch erkennen, daß sie nur den Hintergrund einer kalten Zurückhaltung verbargen.

Ribbentrops Stimmung war mehr als schlecht. Nervös und hastig bereitete er sich für sein Gespräch mit dem polnischen Staatspräsidenten vor, als eine Meldung eintraf, die seine Stimmung noch wesentlich verschlechterte. Die Daily Mail hatte in sensationeller Aufmachung gemeldet, daß eine große deutsche Wirtschaftsdelegation von über dreißig prominenten deutschen Wirtschaftlern unter der Führung des zuständigen Sachbearbeiters im Auswärtigen Amt, Geheimrats Schnurre, auf dem Wege nach Moskau sei, um dort ein umfangreiches Programm deutschsowjetischer wirtschaftlicher Zusammenarbeit aufzustellen. Zwar war Geheimrat Schnurre tatsächlich auf dem Wege nach Moskau, jedoch nur, um dort rein routinemäßige Besprechungen zum laufenden deutsch-sowjetischen Handelsaustausch zu führen. Er reiste allein. Von einer großen Delegation konnte also nicht die Rede sein.

Ribbentrop rief aus: „In einem Augenblick, wo ich im Auftrage des Führers die grundsätzliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Polen gegen die Sowjetunion erreichen will, fällt man mir mit der skandalösen Störungsmeldung in den Rücken. Schnurre soll sofort nach Berlin zurückkehren!“ Da Schnurre sich ebenfalls in Warschau aufhielt, konnte dieser Rückruf sofort ausgeführt werden. Meine Einwendungen, daß ein Rückruf Schnurres nicht nur den normalen deutsch-sowjetischen Handelsaustausch gefährden, sondern auch die Polen mißtrauisch machen werde, ließ Ribbentrop nicht gelten. Er blieb in seiner unbiegsamen Art bei seinem Entschluß, und Schnurre reiste ohne Segenswünsche für seinen hohen Chef nach Berlin zurück.

Die Verstimmung der Sowjets war groß. Botschaftsrat Astachov von der Berliner Sowjetbotschaft warf mir später vor, wir hätten die Reise Schnurres nur eingeleitet, um die Sowjets durch seine Rückrufung vor der ganzen Welt zu brüskieren. Und jene Pressemeldung über die große deutsche Wirtschaftsdelegation hätten wir natürlich selbst in Szene gesetzt...