Es ist sehr bequem, die Völker des Ostens mit ihren derzeitigen Regierungen in einen Topf zu werfen und so zu tun, als hätten sie sich freiwillig der sowjetischen Macht unterworfen", sagte kürzlich der italienische Schriftsteller und Sozialist Ignazio Silone. "Haben die Großen Drei etwa nach den Wünschen jener Nationen gefragt, als in Jalta und Potsdam über ihre Zukunft bestimmt wurde?" – Immerhin, seitdem diese Großen Drei zu feindlichen Brüdern wurden, erwähnt man die Folgen jener unseligen Vereinbarungen hin und wieder. Bevin versäumte nicht, auch bei der letzten Sitzungsperiode der UNO seinen sowjetischen Kollegen auf die Unterdrückung Ungarns, Rumäniens und Bulgariens hinzuweisen. Allerdings, was vor Jalta und Potsdam geschah, erwähnte auch er mit keinem Wort: nämlich, daß im September und Oktober vor genau zehn Jahren die ganze Tragödie eigentlich begann. Und zwar in den drei baltischen Ländern Estland, Lettland und Litauen, die beileibe nicht aus eigenem Willen ihre politischen, wirtschaftlichen und vor allem geistigen Bindungen zum Westen aufgaben.

Das Gedächtnis der Welt ist kurz. Ja, wer weiß denn noch, daß bereits 1939/40 nicht weniger als 713 205 Quadratkilometer Land sowjetisch wurden? (Doppelt soviel Land, als der am meisten imperialistische aller Zaren, Alexander I., während seiner ganzen Lebzeit erobern konnte.) Aber Außenminister Wyschinski wird sich wohl noch genau an die Zeit vor zehn Jahren erinnern: Er und der verstorbene Schdanow waren die Hauptakteure dieser ersten sowjetischen Eroberungen...

Als in Mitteleuropa der Krieg ausbrach, schien ihre Zeit gekommen. Recht unvermittelt bot die Sowjetunion Estland einen Handelsvertrag an. Ende September 1939 wurde der estnische Außenminister Seiter mit seiner Frau nach Moskau eingeladen, den Vertrag zu unterzeichnen. Wenige Stunden nach seiner Ankunft im Kreml schickte er jedoch ein Telegramm nach Reval, die Regierung solle bis zu seiner Rückkehr nichts unternehmen. Der geheimnisvolle Inhalt des Telegramms erklärte sich bald. Radio Moskau meldete noch am gleichen Abend, der russische Dampfer "Metallist" sei in der Ostsee von U-Booten torpediert worden, die von Basen an der estnischen Küste operierten. (Der "Metallist" besuchte einige Monate später wohlbehalten den Revaler Hafen.) Als Seiter am 25. September zurückkam, mußte er seiner Regierung mitteilen, daß Molotow und Mikojan vom Handelsvertrag gar nicht gesprochen hatten, sondern nur auf die Unhaltbarkeit der politischen Verhältnisse hingewiesen hätten. Die Sowjetunion sähe sich genötigt, ihren Schutz in der Ostsee selbst zu übernehmen.

Der langen Rede kurzer Sinn: Estland wurde gezwungen, militärische Stützpunkte für 25 000 Mann der Roten Armee und Flotte abzutreten. Und dann, nachdem die estnische Regierung den Stützpunktvertrag und einen gegenseitigen Beistandspakt unterzeichnet hatte, wurden auch Lettland und Litauen zur gleichen Unterschrift gezwungen.

Zwar sagte Molotow noch am 31. Oktober 1939, gemäß den Abmachungen mit den drei Regierungen, vor dem Obersten Sowjets "Die Unantastbarkeit der Souveränität der baltischen Völker und der Grundsatz der Nichteinmischung in ihre inneren Angelegenheiten ist im Beistandspakt festgelegt." Aber neun Monate später, am 15. Juni 1940, schnitten russische Kriegsschiffe die Seeverbindungen Estlands und die Rote Armee die Landverbindungen Litauens nach dem Westen ab. Das Baltikum verschwand hinter dem Eisernen Vorhang. Welche "Erklärungen" für diesen Wortbruch würden die Sowjets parat haben? Am Morgen des 16. Juni meldete die Agentur TASS, die drei baltischen Staaten hätten einen Bündnispakt gegen die Sowjetunion beschlossen... Am 17. Juni begann der Einmarsch! der Roten Armee und am 19. erschienen die russischen Anschlußkommissare: Schdanow in Reval, Wyschinski in Riga und Dekanóso w in Kaunas.

Ihre Regie funktionierte. Für den 21. Juni wurde eine Großkundgebung auf dem Revaler Freiheitsplatz angesetzt. Der estnische Innenminister wurde gezwungen, den Schutz der Demonstrationen der Roten Armee zu überlassen. Aus den Grenzgebieten wurden mehrere Züge voll Kommunisten nach Reval gebracht, aus den Gefängnissen politische Gefangene befreit, das ganze Gesindel der Revaler Vororte aufgeboten, während sich die Industriearbeiter, trotz der vor ihren Fabriken aufgefahrenen Panzer, nicht bewegen ließen, an der Kundgebung teilzunehmen. Die Regierung mußte bald darauf dem "Willen des Volkes" nachgeben und abtreten. Ähnlich ging es in Riga und Kaunas zu. Endlich, am 6. August 1940, verkündete der Oberste Sowjet in Moskau den Anschluß der 14., 15. und 16. Unionsrepublik – Estland, Lettland und Litauen.

Da der Widerstand der Bevölkerung gegen das aufoktroyierte System mit Propaganda nicht zu brechen war, griff man zum sichereren Mittel der Massendeportationen und schließlich des Völkermordes. Allein am 14. Juni 1941 wurden aus Estland 60 910, aus Lettland 34 250 und aus Litauen 34 450 Menschen in das Innere Rußlands verschleppt. Der Plan, 70 bis 80 v. H. der litauischen Bevölkerung und 400 000 Esten (bei einer Gesamteinwohnerzahl von 1,1 Millionen) auszusiedeln, wurde zwar durch den Ausbruch des Krieges mit Deutschland vorerst vereitelt. Vorerst, denn nach der Wiedereroberung durch die Sowjets im Herbst 1944 begann man dort, wo man 1941 aufgehört hatte. Im Sommer 1948 verschwanden 80 000 Litauer, und ihren Höhepunkt erreichten die neuen Deportationen um den 22. März des Jahres 1949, als in den drei Ländern fast 100 000 Personen der Menschenjagd zum Opfer fielen. Schon heute gibt es ganze Landstriche, in denen die eingeborene Bevölkerung den zugewanderten Russen gegenüber in der Minderzahl ist.

Was vor zehn Jahren begann, ist nicht allein das Schicksal dreier kleiner Völker im Nordosten Europas. Es ist der Beginn einer Tragödie, deren Ablauf sich in jedem Land, das unter sowjetische Herrschaft geriet, schneller oder langsamer, aber immer nach dem gleichen Textbuch, Akt für Akt abspielt. Von den baltischen Staaten spricht man heute nicht mehr. Man hat sie schon abgeschrieben. Vielleicht wird man im Westen morgen auch von Ungarn, Rumänien, Bulgarien und der deutschen Ostzone nicht mehr sprechen? Aber von Verbrechen wissen und doch schweigen – ist dies nicht gerade das, was man uns nicht verzeihen wollte? Erik Verg