Von Peter Kleist

Schicksalsjahr 1939! Die Verhandlungen mit Polen, die Hitler hatte anknüpfen lassen, scheiterten. Die Hintergründe dieser politischen Aktionen hat Peter Kleist – damals Angehöriger des Auswärtigen Amtes – in der vorigen Ausgabe der "Zeit" geschildert. Hitler entschloß sich nun, die Fragen um den polnischen Korridor "gewaltsam zu lösen". So knüpfte er, der Antibolschewist, freundschaftliche Beziehungen zu den Bolschewisten an, die nur zu gern der "Stimme der Vernunft" folgten. Während die Spannungen zwischen Deutschland und Polen täglich gefährlicher wurden, rüstete sich Ribbentrop mit einem Gefolge von Sachverständigen, zu dem auch der Verfasser unserer Veröffentlichungsreihe gehörte, für die Reise nach Moskau.

In diesen Tagen äußerster Spannung traten der Kabinettschef des polnischen Außenministeriums, Graf Lubienski, und der polnische Generalkonsul in Berlin, Kara, überraschenderweise mit einem Vermittlungsvorschlag an mich heran. Lubienski machte den Eindruck eines in tiefste Sorgen verstrickten Mannes, der jetzt auf eigene Faust den abenteuerlichen Versuch machte, sich noch einmal der Sturmflut der Ereignisse entgegentsusteimmen. Was er mir sagte oder auch nur in Andeutungen mich wissen oder raten ließ, war folgendes: Der polnische Außenminister Beck erkenne die ungeheuer gefährliche Situation, in die Polen geraten sei. Er mache sich keine Illusionen über die Kraft der deutschen Armee, wenn auch der polnische Marschall Rydz Smigly sie im Grunewald in Fetzen zu schlagen gedenke, noch sei er im unklaren über die Schwäche der englischen und französischen Heere. Beck beobachte vor allem mit Sorge die Entspannung zwischen Deutschland und der Sowjetunion. Beck sei sich aber auch der Tatsache bewußt, daß die nationale Stimmung in Polen bis zur Weißglut angefacht sei und kein Staatsmann heute das Zauberwort finden könne, um diese Geister wieder zu beschwichtigen. Der polnisch-englische Beistandspakt, der kurz vor dem Abschluß stehe, verwirre die Lage nur noch mehr. Er sei ein Strohhalm, nach dem man natürlich greifen müsse, aber er vermindere nicht die Wahrscheinlichkeit eines kriegerischen Zusammenstoßes. Was Beck heute brauche, sei erst einmal Ruhe, um Zeit zu gewinnen für die Beschwichtigung der Volkswut, zweitens aber nach einer gewissen Frist tragbare Verhandlungsangebote, um die deutsch-polnischen Probleme allmählich einer allseitigen Lösung zuzuführen.

Lubienski schilderte unerhört eindringlich, daß Beck und seine Umgebung, die einzigen Männer in Polen seien, die mit kaltem Blut die Lage betrachteten. Es wäre zu wünschen, daß Deutschland sich dieser Tatsache bediene, um die Spannungen ohne Katastrophe zu überwinden. Der Reichsaußenminister nahm meinen Bericht mit Interesse entgegen und leitete ihn sofort Hitler zu. Schon am nächsten Tage wurde ich vom Obersalzberg zu einem Exposé über die Kräfteverteilung in der polnischen Innenpolitik aufgefordert.

Ich entledigte mich dieser Aufgabe nach bestem Gewissen, aber es war zu spät. Hitler erklärte, wenn Herr Beck sich mit seinen Vernunftsgründen im eigenen Hause nicht durchsetzen könne, so könne er ihm dabei nicht helfen. Er wünsche im übrigen gehört zu werden, bevor jemand solche Kontakte überhaupt annehme. Die Deutsch-Polnische Gesellschaft, die ich seinerzeit gegründet hatte und damals noch leitete, solle sofort ihre Tätigkeit einstellen. Er sei der Ansicht, daß Herr von Ribbentrop eine solche Anordnung längst hätte erlassen sollen.

Die Entscheidung war gefallen. Sie lautete "Krieg". Nachdenklich trat ich in die laue Sommernacht hinaus, die die Schönheit der Bergwelt nur fühlen ließ. Langsam formte sich in mir das Bild eines zweiten Weltkrieges, dessen Wirklichkeit jede apokalyptische Ahnung furchtbar übertreffen sollte.

Übrigens wirkten nicht nur die deutsch-polnischen Spannungen beschleunigend auf das Tempo der deutschen Außenpolitik. Eine andere Gefahr drohte aus französisch-englischen Besprechungen, die seit Ende Mai mit der Sowjetunion geführt wurden. Am 25. Juli 1939 führten diese Verhandlungen zur Entsendung einer englischen und einer französischen Militärmission nach Moskau, die das Ziel hatten, eine gemeinsame englisch-französisch-sowjetische militärische Aktion gegen Deutschland vorzubereiten. Das Gespenst des Zweifrontenkrieges, der Einkreisung, führte jetzt zu drastischen Maßnahmen Adolf Hitlers.