Alkibiades soll der schönste Mann der Antike gewesen sein, er war gewiß einer der intelligentesten und jedenfalls der treuloseste. Und dennoch war sein Leben nicht in erster Linie durch diese Eigenschaften bestimmt, die er mit einer Grazie zur Schau trug, wie sie unserer Zeit völlig fremd ist, sondern durch einen ungeheuerlichen Ehrgeiz, der seine Stadt Athen und ihn selbst schließlich ins Unglück stürzte. Plutarch hat den Knaben Alkibiades mit einer Anekdote charakterisiert: Als er beim Ringen fürchtete, niedergeworfen zu werden, biß er. Der Gegner ließ ihn los und sagte: "Pfui, Alkibiades, du beißt ja wie die Weiber." – "Nein", versetzte er, "wie die Löwen."

Alkibiades war, als er den Knabenjahren erwachsen, der Freund des Sokrates, der Liebhaber der schönsten Frauen und – der Gesprächsstoff der Athener, die ihn bald liebten, bald haßten, weil sie in ihm alles das wiedererkannten, was sie selbst auszeichnete: ihren eigenen Charme, ihren eigenen Ehrgeiz, ihre eigene Treulosigkeit.

Diesen Mann, eine der fesselndsten Gestalten der Geschichte, hat Eckart von Naso auf dem Hintergrund des Peloponnesischen Krieges zum Helden eines biographischen Romans gemacht: ("Der Halbgott", ein Roman um Alkibiades, Verlag Heinrich Scheffler, Frankfurt am Main.) Die Erfahrung des Autors des "Moltke" und der Takt des früheren Chefdramaturgen von Gründgens am Staatstheater Berlin haben ein sehr lesenswertes Buch ergeben, das dazu den Vorteil einer beträchtlichen historischen Genauigkeit hat. So phantastisch und spannend die Handlung auch ist, in der Alkibiades zum Feldherrn gewählt, verbannt, zum Tode verurteilt, wieder zurückgerufen und abermals verbannt wird, in der er als Emigrant und Ratgeber der Ephoren die Königin von Sparta verführt, Athen an Sparta und Sparta an Tissaphernes, schließlich diesen wieder an Athen verrät – so entspringt eben diese Handlung nicht der Erfindungsgabe des Dichters, sondern ist Geschichte, kann im Plutarch und Thukydides nachgelesen werden. Sogar noch die Liebesgeschichte mit der Sklavin Timandra, die ihm in die Verbannung und in den Tod folgt, hat historischen Hintergrund.

Freilich muß ein Charakter wie der des Alkibiades einem mitfühlenden Dichter nicht geringe Schwierigkeiten machen. Es fehlen dem Helden nun einmal die moralischen Eigenschaften, um derentwillen die heutigen Leser ihn lieben könnten. Und so bietet das Buch auf eine ziemliche Wegstrecke zunächst nur ein intellektuelles Vergnügen. Der Held scheint – trotz aller Leidenschaften, die ihm Plutarch attestiert – zunächst eiskalt (und sogar manche Liebesszene macht den Eindruck, als sei ihr eine langjährige Ehe vorangegangen). Erst als Alkibiades dem Unglück verfällt, ergreift Mitgefühl den Leser, der längst begriffen hat, daß sich das Buch an manchen Stellen, zum Beispiel in den von Thukydides mit großem Geschmack übernommenen Reden und in einigen Dialogen, zu einer bedeutenden geistigen Höhe erhebt. Hier wird von Staat und Macht, Krieg und Demokratie manches gesagt, was gerade heute wieder gehört werden sollte! Petwaidic