Der doppelte Goethe-Preisträger Thomas Mann hat auf seiner Triumphfahrt durch die potemkinsche Welt der Ostzone seinen Goethe allzu wörtlich genommen. In einem zuerst vom Züricher "Volksrecht" und vom Meraner "Standpunkt" veröffentlichten Brief an den schwedischen Journalisten Olberg urteilt er über seine ostzonalen Erlebnisse nach dem Motto: "Ihr glücklichen Augen / was je ihr gesehn / es sei wie es wolle / es war doch so schön."

Sehr geehrter Herr Olberg!

27. August 1949

Ihr Brief ist wohlwollend, aber überbesorgt. Ich habe ganz und gar nicht das Gefühl, mir mit der "Ansprache im Goethejahr", die ich in Frankfurt und Weimar hielt, etwas vergeben, meine Emigration, mein Haltung im Kriege verleugnet zu haben.

Vielleicht wissen Sie nicht, daß das politische Regime in Thüringen kein reines Einparteiensystem ist. Nichtkommunisten sitzen in der Regierung, noch mehr im Stadtrat. So ist der Oberbürgermeister von Weimar, Buchterkirchen, der mich eingeladen hat, Christlicher Demokrat. Die Einleitungsrede bei der Feier im bewundernswert erneuerten Nationaltheater hielt Kirchenrat Hermann, Vorsteher der Stadtverordneten, ein Geistlicher also, dem manches Wort erlaubt war, über dessen evangelische Freiheit Sie sich gewundert hätten. In Eisenach hatte zur Begrüßung auch der Landesbischof, goldenes Kreuz auf der Brust, sich eingefunden, zum Dank dafür, daß ich die 20 000 Ostmark des Goethepreises für den Wiederaufbau der Weimarer Herderkirche gestiftet hatte – eine Verwendung, die nicht so ganz nach dem Sinn der Kommunisten gewesen sein mag.

Daß von diesen unsere Fahrt durch Thüringen zu einem Volksfest gestaltet wurde, wie ein Schriftsteller es wohl selten oder nie zu bestehen hatte, mit Fahnen, Blumen, Girlanden, Spruchbändern, Ehrentrünken, singenden Kindern und ausgerückten Stadtmusiken, danke ich einer Sympathie, die ich mir durch ein Bekenntnis zum Kommunismus nie erworben habe. Meine öffentliche Meditation darüber, daß in dem ungeheuren Russenlande Autokratie und Revolution durch viele Jahrzehnte einen grausamen Kampf gegeneinander geführt, sich nun aber, im Resultat, zusammengefunden haben, daß wir eine autokratische Revolution vor Augen haben, die sich derselben unheimlichen Methoden bedient wie der Polizeistaat des Zaren, wenn auch zu ganz verschiedenen Zwecken – diese Betrachtung ist von der russischen Presse sehr übel aufgenommen worden. Trotzdem, die Tatsache allein, daß ich mir vorbehalte, einen Unterschied zu machen zwischen dem Kommunismus als Menschheitsgedanken – und der absoluten Niedertracht des Faschismus, daß ich mich weigere, an der Hysterie der Kommunistenverfolgung und der Kriegshetze teilzunehmen und dem Frieden zuunsten rede in einer Welt, deren Zukunft ohne kommunistische Züge ja längst nicht mehr vorstellbar ist – dies allein genügt offenbar, mir in dieser Sphäre jener Sozialreligion ein gewisses Vertrauen einzutragen, um das ich nicht geworben habe, das aber als ein schlechtes Zeichen für meine geistige und moralische Gesundheit zu empfinden mir nicht gelingen will.

Sie sprachen viel von politischen Freiheiten und staatsbürgerlichen Rechten, die in den Westzonen Deutschlands dem Volke gewährt sind – und scheinen dabei zu vergessen, was Sie vorher über den Gebrauch gesagt haben, der meistens von diesen Gaben gemacht wird. Es ist ein unverschämter Gebrauch. Der autoritäre Volksstaat hat seine schaurigen Seiten. Die Wohltat bringt er mit sich, daß Dummheit und Frechheit, endlich einmal, darin das Maul zu halten haben.