Von Erika Müller

Baden-Baden, im Oktober

Der Platz ist paradiesisch: weite grüne Flächen im Hügelgelände, umrahmt von Baumgruppen in farbigem Herbstlaub und in der Ferne der bläulich schimmernde Schwarzwald. Aber gleich am Eingang zum Paradies steht eine Verbotstafel! Erstens: "Niemand soll nahe bei oder unmittelbar hinter dem Ball stehen, sich bewegen oder sprechen, während ein Spieler einen Schlag macht." Zweitens: "Der Gegner soll seinen Ball nicht aufsetzen, ehe der Spieler, dem die Ehre zusteht, abgeschlagen hat." Folgt Punkt drei, vier und so weiter. Golfsitten.

Nun, ich habe nicht die Ehre. Ich sitze auf der Terrasse vor dem kleinen Klubhäuschen unter einem Baum oder vielmehr unter einem tree; denn auch die abgezirkelte, hellgrün gestreifte kleine Ebene, die zu meinen Füßen liegt – so habe ich eben gelernt – heißt green, allenfalls Grün In der Mitte darauf steht ein kleiner Junge und hält eine Standarte. Er hat einen Köche; um und könnte ein kleiner Liebesgott sein in diesem Paradiesgarten. Aber in dem Köcher sind keine Pfeile, sondern ein Brassy, ein mittleres Eisen, ein Mashie und ein Putter. Das heißt, neben diesen Schlägern befinden sich in den Taschen besserer Spieler noch immer ein halbes Dutzend anderer Schläger oder mehr, die alle für besondere Zwecke und Lagen des Balles gebaut sind. Und der kleine Liebesgott ist keiner, er ist ein Caddy. Um ihn herum stehen einige Adame und Evas und haben die Ehre. Sie wollen die kleinen Bälle in das kleine Loch treiben. Einer wird dabei bestimmt gewinnen, ich weiß es schon, und es macht mich heiter. Sie aber sind konzentriert und todernst und jeder denkt nur an sich und seinen Schlag. Der todernsteste unter den Golfern soll, wie ich kürzlich in "Time" gelesen habe, der amerikanische Spitzengolfer Ben Hogan sein, ein Profi. "Bei jedem Turnier", so schrieb die amerikanische Zeitschrift, "geschieht dasselbe: von Runde zu Runde wird Hogan blasser, seine Hast (größer und seine Lippen weißer. Das ganze Gesicht verzerrt sich zu einer Grimasse, zu dem Lächeln eines standhaften Mannes, der ausgepeitscht wird. Man könnte es vielleicht Leidenschaft oder Besessenheit heißen; Liebe zum Spiel, wie Hogan selbst es nennnt, kann man eigentlich nicht sagen, es wäre auch eine merkwürdige Art von Liebe, die das Gesicht in eine Totenmaske erstarren läßt." Übrigens hatte seine Frau, wie "Time" hinzufügt, etwas Geheimnisvolles verraten: "Sein Spiel ist das Ergebnis unendlicher Mühe und unermüdlichen Trainings. Selbst auf der Hochzeitsreise nahm er die Schläger mit in das Hotelzimmer und hat dort geübt."

Eben geht einer dieser amerikanischen Adame an meinem sonnigen Platz vorüber. Er ist vom Spiel erhitzt und läßt sein Hemd über der Hose im südlichen Oktoberwindchen flattern. Weit hinten in dem Hügelgelände holt eine einsame Eva, man sollte sagen: "im eleganten Schwung", zum Schlage aus. Es ist die deutsche Golfmeisterin, aber der Schwung gerät eher linkisch als elegant. Nun schlägt sie zu und auf die Erde nieder mit einem Kraftaufwand, daß man meinen könnte, sie wolle die Erdkugel vor sich in das Weltall jagen. Leider gelingt es ihr nicht, und ich bleibe unbewegt unter meinem Tree-Baum sitzen.

Kein anderer Sport erlaubt es mir als Zuschauer, so viel zu sinnieren. Beim Fußball muß ich ekstatische Schreie ausstoßen und auf- und niederspringen, beim Boxen muß ich den Hals recken oder den Kopf erschreckt an der Schulter meines Nachbarn bergen. Hier habe ich, während die Spieler sich auf einen neuen Schlag konzentrieren, Zeit, über eine Welt zu grübeln, "in der die Tätigkeit, mit einem Stock eine Kugel zu stoßen, von höchstem Rang ist und hinreicht, das Leben zu rechtfertigen". Diese Definition stammt von einem Philosophen, von Ortega y Gasset, und ich will hier zitieren, was er im Angesicht des Golfes über die Idee des Dharma sagte, jene dreißig Jahrhunderte alte Weisheit des großen asiatischen Kontinents: "Mit der Idee des Dharma will ich andeuten, daß wir irren, wenn wir die Moral als System von Pflichten und Verboten betrachten, das für alle Menschen dasselbe ist. Sehr wenige, vielleicht überhaupt keine Handlungen sind absolut gut oder absolut böse. Ach, wie so jeder Stand sich über die Sitten des anderen entrüstet! Der Intellektuelle etwa findet den Politiker unmoralisch, weil seine Reden verwaschen, unaufrichtig und voller Widersprüche sind. Das Geschäft des Intellektuellen aber ist ein verbales: Verkündigung! Wenn er Worte geschrieben oder gesprochen hat, die mit Grazie, Logik und Schärfe einen Gedanken ausdrücken, so hat er getan, was er konnte. Die Realisierung interessiert ihn dann nicht. Alles Streben des Politikers dagegen geht auf Ausführung, nicht auf Ausdruck eines Gedankens. Also ist er nicht gehalten zu sagen, was er denkt, sein Innerstes allen Winden preiszugeben, er ist kein Lyriker. Lüge, mindestens innerhalb weiter Grenzen, ist seine Pflicht. Dieses Nebeneinander verschiedenster Lebensbestimmungen ist es, was der Hindu das Dharma nennt. Anstatt eine einzige Art moralischer Richtigkeit zu sanktionieren und damit den Reichtum des Kosmos zu vernichten, akzeptiert der Hindu die wundervolle Vielheit der Welt. Jedes Individuum kann zur Vollendung gelangen innerhalb seines Dharma – und auf keinem anderen Weg."

"Nun sehen Sie, mein Freund", so wendet sich Ortega y Gasset an einen der Adame, "Ihr Dharma ist das Golfspielen, meines Gespräch und Schrift. Wenn ich Sie sehe, heiter und jung, wie Sie den Ball schleudern, scheinen Sie mir ein vollkommenes Wesen, das die Schöpfung ziert und ehrt, ein Wesen, ohne Schwere gemacht, damit es über den Planeten hinzuhüpfen kann und sich nicht in seine dunklen Angelegenheiten zu mischen braucht."