Noch sind die formalrechtlichen Grundsteine nicht glatt verlegt, um auf ihnen schon heute endgültig den Neubau eines Gesamtverbandes der deutschen Industrie“ zu errichten. Die Hohen Kommissare möchten noch einige Überlegungen über Umfang und Richtung ihres Einflusses anstellen, den sie auf die Bildung der Gesamtorganisation der deutschen Unternehmerwirtschaft ausüben wollen. Aber immerhin ist es nach langjährigen Vorarbeiten und Entwicklungen nun doch endlich so weit gekommen, daß am 19. Oktober in Köln ein „Ausschuß für Wirtschaftsfragen“ gegründet worden ist.

Stehen wir wieder vor der Gründung des Reichsverbandes der deutschen Industrie? Diese Frage stellen, heißt, sie teils zu bejahen, teils zu verneinen. Wenn man in dem erstrebten Gesamtverband der deutschen Industrie die Spitzenorganisation der Unternehmerwirtschaft, und zwar der produzierenden Wirtschaft, sehen will, dann Ja; wenn man eine neue große Organisation mit zahllosen Geschäftsführern, Syndici und Unterabteilungen und eine Machtzusammenballung erwartet, dann Nein.

Die Männer, die das wahrlich nicht leichte Amt des Präsidiums übernommen haben – ein Platz von den sieben ist noch für die französische Zone offen gelassen –, werden nicht nur einem zeitlich wohl unbegrenzten Sperrfeuer von Intoleranz, klassenkämpferischer Dogmatik und Verunglimpfung ausgesetzt sein, sondern auch ständig für einen Direktbeschuß herhalten müssen. Wird es dann immer leicht sein, den großen Aufgaben der Gegenwart gerecht zu werden und wirklich das zu sein, was man will? Es ist keine Frage, auch nicht für die Gewerkschaften, daß ein Zusammenschluß der Spitzenverbände der produzierenden Wirtschaft notwendiger denn je wurde; eine Erkenntnis, die in letzten Monaten rasch an Boden gewann. Alle möglichen mehr oder weniger dazu berufenen Stellen (einschließlich Katholikentag) äußern sich zu wirtschafts- und sozialpolitischen Aufgaben jeder Art. Die Bundesregierung wird mit wissenschaftlichen Denkschriften und parteipolitischen Stellungnahmen überschüttet. Ideologien werden eimerweise in die Konferenzsäle getragen und Funktionäre jeder Zahl und Güte antichambrieren im Weißen Haus am Rhein und anderswo.

Das Gros der schaffenden Bevölkerung hat dabei zum Teil ausgezeichnete Vertreter. Sie sind klar organisiert und haben schlagkräftige Instrumente für Durchsetzung ihres Willens und ihrer Vorstellungen zur Hand, In München wurde jetzt die Einheit der Deutschen Gewerkschaften beschlossen und gefeiert. In Köln folgte die Konstituierung des Partners. Nunmehr kann Regierung wie Öffentlichkeit gegenüber in zusammengefaßter Form Meinung und Wunsch der Industriewirtschaft zum Ausdruck gebracht werden; nunmehr kann ein wirklich gemeinsamer Gedankenaustausch der Unternehmer mit dem Arbeitnehmer oder den Gewerkschaften über sozial- und wirtschaftspolitische Fragen in Gang kommen. Wir sehen in dieser Teilaufgabe des künftigen Gesamtverbandes der deutschen Industrie einen Zentralpunkt, der über Erfolg oder Mißerfolg dieser Institution wesentlich mit entscheiden wird.

Und für diesen Abschnitt seiner Aufgaben hätten wir besondere Wünsche. Im Gründungsausschuß und im Präsidium lesen wir Namen unserer bekanntesten Industriellen. Jeder von ihnen hat bereits ein festes Bild im Urteil seiner Zeitgenossen. Viele werden sich beim Lesen über manche Männer vieles denken gute und böse Worte, Hoffnungen und Zweifel werden aufkommen. Wir möchten zum Start dem Präsidium wünschen, daß ihm die sozialpolitischen Belange nicht eine Frage der Paragraphen des Tarifrechtes sein mögen, sondern eine Frage des Charakters, der Gesinnung und des Fortschrittes. Die echte Sozialpolitik beginnt, wo die Tarife und die Erfüllung nach dem Buchstaben des Rechtes aufgehört haben zu bestehen. Wir möchten weiterhin als Wunsch äußern, daß, wenn nun schon die Gesamtverbände die Mitglieder der neuen Gesamtorganisation werden, nicht die industrielle Bürokratie (die es auch gibt!), sondern die Unternehmerpersönlichkeiten den Ton in der Musik machen. Das heißt, alles was von dieser Stelle verlauten wird, muß den echten Pulsschlag der Praxis und des schöpferischen Gestaltungswillens der Einzelpersönlichkeit tragen.

Unser Wunschzettel geht noch weiter, wenn wir die einzelnen Namen der Gründer überfliegen! Bewahrt das deutsche Leben vor doktrinären Erklärungen, bewahrt es vor Ideologien, gebt ihm dafür in dem Ausgleich von Individuum und Gemeinschaft zündende Ideen und geht nicht mit sturen Vorsätzen an die Arbeit, sondern mit Loyalität und Phantasie! Wir müssen die Gegensätze der Sozialpartner abtragen, denn im politischen Ernstfall des deutschen Lebens, und wir sind mitten im Ernstfall drin, sind Unternehmerschaft und Arbeiterschaft eine Gemeinschaft im Schicksal.

Als einen durchaus richtigen Entschluß darf man die Tatsache auffassen, das organisatorische Gebäude personell klein zu halten. Eine gewisse Personalunion mit dem Spitzenverband der Industrie- und Handelskammern wird die Gefahr der Doppelarbeit auf vielen Sachgebieten wie bei Steuern, in Rechtsfragen, im Außenhandel und anderen mehr auf ein Minimum zusammendrängen. Man hat schon die Meinung gehört, daß der neue industrielle Spitzenverband neben den Kammern im Grunde überflüssig sei. Aber man vergißt dabei, daß die Kammern zu 30 v. H. bis höchstens 45 v. H. aus industriellen Unternehmung gen zusammengesetzt sind, da in ihnen ebenso die Kaufmannschaft und weitere Zweige der deutschen Wirtschaft erfaßt werden. Ein Erfahrungs- und Arbeitsaustausch in der Spitze erscheint uns daher von großem Nutzen.

Reichelt