Das Museum für Hamburgische Geschichte hat eine Ausstellung über die deutsche Schifffahrt eröffnet, die viel Zuspruch erfährt.

Küstenschiffahrt, Transozeanschiffahrt sind geläufige Begriffe. So ist es denn folgerichtig und zudem zeitgemäß, daß das Museum für Hamburgische Geschichte für die jetzigen deutschen Verhältnisse die „Vitrinen-Schiffahrt“ erfand. Zwar wird den Tausenden von Seeleuten, die auf eine Heuer warten, durch diese Ausstellung nichts als Sehnsucht vermittelt. Aber man darf nicht vergessen, daß in Hamburg, der Hauptstadt des Überseehandels und der Schiffahrt, mit dieser Modell-Ausstellung ein alter Traditionsfaden weitergesponnen wird, ohne den wir selbst unser kärgliches Nachkriegsbündel nicht schnüren können.

Sollen wir Ressentiments nachhängen? Nein! Das taten auch die ersten 1400 Besucher seit der Ausstellungseröffnung nicht. Die Jugend, sonst am Hafen zwischen den Schiffen zu Hause, fühlte sich zwischen den Tjalken, Pinken, Fleuten, Fregatten, und wie die Schiffe des 18. Jahrhunderts alle romantisch hießen, so wohl, daß die Wärter sie immer wieder streng zur Ruhe bringen mußten. Die Älteren bewunderten den bunten Formenreichtum der alten Fahrzeuge, an denen mit Schnitzereien (übermannsgroßen Gallions- und Heckfiguren) nicht gespart wurde. Dem kriegsgewohnten Herzen der heutigen Generationen mag es dabei gar nicht weiter verwunderlich erscheinen, daß die stattlichen Ostindienfahrer mit 30 und mehr Kanonen bestückt waren, obwohl es friedliche Handelsschiffe waren, in einem Schränkchen daneben stehen Heine Figuren: Seeleute in betender Stellung. Sie wurden in den Kirchen für in Sklaverei geratene Angehörige aufgestellt. „Wie nötig hätten! wir heute solche Figuren .. !“

Über Segelschiffe mit Dampf sieht man die Entwicklung weitergehen bis hin zu den modernsten Passagier- und Tank- und Motorschiffen. „Cap Finisterre“, „Cap Polonio“, „Deutsch-Sand“, „Albert Ballin“, „General“ – einige Namen, bei denen den Besuchern die Herzen höher, nein: tiefer schlagen. Interessante Unterschiede Weisen kleine Beschriftungen auf. Nach dem ersten Weltkrieg heißt es meistens: „Abgeliefert an...“, nach dem letzten: „Versenkt...“, „verbrannt...“, „auf Mine gelaufen“. An einer großen, belichteten Wandtafel erfährt man, daß die Hansestädte 1935 zwanzig eigene Handelskammern in Übersee besaßen, daneben über 435 eigene Niederlassungen in 231 Städten verfügten und 2996 Vertretungen an 465 Plätzen unterließen. Kurz: Die Ausstellung ist keine hamburgische, sondern eine deutsche. Denn die Schifffahrt ist ein deutscher Belang, wenn auch im Augenblick im Ruhestand.

Professor Hävernick, wirklich ein lebensnaher Museumsleiter, hat deshalb als bewegliches Pendant (wer spielte nicht gerne mit Eisenbahnen?) das vollständige Modell des Hamburg-Harburger Bahnhofs aufgestellt, ein Werk der fleißigen Hamburger Modelleisenbahn-Vereinigung. Bis ins letzte Tüpfelchen genau wird auf einem etwa 30 Meter langen Tisch ein richtiger Bahnhofsverkehr vorgespielt. Da rasseln die Loks, da wird ausgerufen, da klappen die Stellwerksanlagen, da klappt’s auch mal nicht, und da recken tiefgestaffelt alte und junge Zuschauer die Hälse. Damit auch der deutsche Ernst gebührend zu seinem Recht kommt: Die Bundesbahn hofft hiermit Verständnis für ihren komplizierten Betrieb und zugleich begeisterten Nachwuchs zu erzielen.

Wenn wir doch erst wieder Schiffahrt spielen dürften! Wer will einem die Wehmut verargen, mit der man an den schönen Modellen vorbei das Museum verläßt? Focko Thomas