Von Friedrich Ahlers-Hestermann

Die glanzvolle, mit liebender Kennerschaft aus Museums- und Privatbesitz zusammengebrachte Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle ist eine Gabe, für die alle Freunde der Malerei sich dem British Council zu höchstem Dank verpflichtet fühlen müssen. Sie ist eine bedeutende Manifestation jener Phase, in welcher die englische Kunst ihren Wertanteil dem großen europäischen Erbe zugebracht hat.

Die exorbitanten Preise, welche die internationale Hochfinanz für englische Porträts des 18, Jahrhunderts zahlt, um mit diesen Zeugnissen einer aristokratischen Kultur ihren neuen Prunkräumen eine wirksame Weihe zu geben, hatten zusammen mit den oftmals etwas substanzlosen Arbeiten, die aus der ungemeinen Produktivität der virtuosen Künstler zweiten Grades stammten, am Anfang dieses Jahrhunderts eine Reaktion, besonders in Deutschland, ausgelöst, die zu offenbar zu ungerechter Schärfe auch gegenüber den großen englischen Meistern führte. Gleichzeitig ließen die Ruhmestaten des französischen 19. Jahrhunderts sowie eine an ganz andere Probleme hingegebene, aufschwungreiche neue Malerei das Interesse an Werken des 18. Jahrhunderts zurücktreten. Doch darf man annehmen, daß die Freunde der Kunst sich nunmehr vorurteilslos dem Genuß und der Erkenntnis jener bleibenden Werte öffnen werden, die uns diese Ausstellung zeigt.

Am Anfang steht Hogarth, ein Autodidakt, zum großen Maler geboren, nicht erzogen. Ein „Sohn des Volkes“. Das waren fast alle anderen auch, aber während diese das nationale Leitbild eines hochgezüchtet-aristokratischen Lebensstils bejahten und für seine Verklärung tätig waren, blieb Hogarth widerborstig nicht nur in seinen allbekannten satirischen Blättern und Bildern, sondern auch in seinen prachtvoll bürgerlichen Porträts, deren flüssig-sichere Mal- und Charakterisierungskunst wir hier auf der Leinwand mit den Köpfen seiner verschiedenen Dienstboten bewundern.

War Hogarth mit Humor in das Leben verliebt, so war es Reynolds in die Kunst, die Kunst der alten Meister, die er in Italien studiert hatte und mit denen er sich theoretisch und malend immer wieder auseinandersetzte, in oftmals gefährlicher Hingabe. Dennoch bleibt er eine Persönlichkeit von unbestreitbarer Würde. So hat er – wiewohl unter dem Schatten van Dycks, des Ahnherrn englischer Porträtkunst – mit männlicher Größe und Festigkeit die beiden Jünglingsgestalten zum Bilde vereinigt, den jungen Vikar mit den bestimmten, schon schärferen Zügen und den weichen, betrachtend gesenkten Kopf des anderen, der auch in der gelösten Bewegung des Körpers mit dem schwarzgekleideten Freunde kontrastiert. Bildmäßig entsteht so eine spannungsreiche Atmosphäre, deren Geistigkeit die Erinnerung an jene in der Welt einzigartigen Höfe der Wissenschaft zu Oxford und Cambridge wachruft. – Das ganz schlichte Bild einer stickenden Dame zeigt den gestaltenreichen Meister von einer anderen, seltenen Seite, der Gefühlsskala eines Chardin sich nähernd. – Sein zarter, von akademischem Wissen weniger beschwerter Gegenspieler Gainsborough ist mit bedeutenden Werken der Spätzeit vertreten, aber wir möchten hier doch ein Bild des 21jährigen zeigen, das den Zauber des Unbefangenen und Tastenden auf einer behutsam und doch fest gefügtenFläche ausströmen läßt: der gleichaltrige Jugendfreund Andrews und seine junge Frau auf ihrem Landsitz. – Während später das Landschaftliche, in sehr viel geschickterer kompositionellerBindung, nur stimmungsmäßige Kulisse wird, ist hier Figur und Landschaft mit gleicher Liebe und Eindringlichkeit realisiert, ein Einklang geschaffen, in dem etwas von der Verbundenheit und dem Besitzerstolz der jungen Leute mitschwingt. Die Kühnheit, gelblich-grüne („natürliche“) Grasfanbe mit dem Hellblau des Kleides zu einer Harmonie zu bringen, konnte nur in einem so herrlich naiven Jugendstadium unternommen werden – und glücken.

Eine Aufzählung von Meisterporträts der Ausstellung wäre ermüdend; nur des unsagbar feinen, silbergrau verhaltenen Bildes der Mrs. Bruce ofArnot von dem Schotten Allan Ramsay sei rühmend gedacht. –

Während Name und Art der Porträtisten weltbekannt sind, hat man auf dem Kontinent von den Anfängen englischer Landschaftskunst kaum eine Vorstellung. So gehören denn die Landschaften von Wilson, John (Old-) Crome und Cotman, wie auch die von Gainsborough, zu den „Neuheiten“ der Ausstellung. Richard Wilson kommt im Bildaufbau noch von der klassischbarocken Landschaft der Dughet und Claude Lorrain, das „Tal von Tivoli“ ist ein feines Zeugnis dafür; aber in dem spiegelnden Gebirgssee zeigt sich auch im Motiv eine ganz neue, große und persönliche Auffassung. Von dem köstlichen John Cröme ist ein kleines Strandbild mit Schiffen zu sehen – 1811 gemalt –, das in der einfachen Pinselschrift und der Harmonie von Perlgrau, Braun und mattem Rot Corot vorhersagt, während uns ein Mondaufgang über flacher Flußlandschaft, mit langsam ziehenden Segeln und einer Mühle an ein – veredeltes – Worpswede denken läßt. In der Tat gründete er – lange vor Barbizon – die erste Künstlerkolonie in Norwich. Sein jüngerer Landsmann John S. Cotman begann mit der damals neuen Aquarellmalerei, doch scheint er uns hier besser vertreten durch zwei kräftig-pastose kleine Ölbilder von großem koloristischen Reiz. –