Auf zwei Gebieten ist das Hamburger Kulturleben stark –: auf dem der Oper und des Konzerts. Auf einem Gebiet ist der Nordwestdeutsche Rundfunk stark –: auf dem, das Schmidt-Isserstedt beherrscht. Warum gehen da plötzlich Gerüchte, es solle ihm verwehrt sein, außerhalb des Hörbereichs des Mikrophons zu wirken? Sein nahezu vollkommen geschultes Symphonie-Orchester braucht den, lebendigen Kontakt mit dem Publikum. Er selbst, der große Dirigent, braucht diesen Kontakt, auf daß sein Temperament nicht erlahme. Wir haben ihm an dieser Stelle immer zu assistieren versucht in seinem Bemühen, die zeitgenössische Musik zu fördern, und wenn wir sagen, daß in seinen Programmen die modernen deutschen Komponisten bisher ins Hintertreffen gerieten gegenüber den Musikschöpfern des Auslandes, so tadeln wir nicht, sondern sprechen eine Hoffnung aus. – Schmidt-Isserstedts erstes Konzert der neuen Saison brachte nach den „Metamorphosen“, dem Abschiedsgesang des Meisters Richard Strauß, das Klavierkonzert des Schweizers Sutermeister: eine eminent vitale Musik, ohne Geheimnisse zwar, aber urgesund. Das Beethovensche Rezept, daß Musik Feuer aus den Herzen schlagen solle, steckt darin, und so trug Adrian Aeschbacher, der Schweizer Pianist, das Werk auch vor: mit Klarheit und Feuer. Das Publikum fühlte sich dabei so wohl wie bei der Brahmschen „Ersten“.

Die Hamburger Staatsoper eröffnete mit dem „Rosenkavalier“, den Günther Rennert mit all jener szenischen Lebendigkeit ausstattete, die das Beispiel dieses genialen Regisseurs mittlerweile Schule machen ließ. Auf Erna Schlüter, Lore Hoffmann, Martha Mödl und Theo Hermann in den Hauptrollen stützte sich die anmutigmeisterliche Dirigierkunst Grübers, und Sierckes Bühnenbilder hatten einen modernen Traum vom Rokoko gestaltet. Aber daß dies möglich war, ist das Verdienst eines Mannes, der den Eröffnungsabend vor allem bemerkenswert machte: des Architekten Kallmorgen. Beauftragt, auf eine zwar provisorische, doch solide Weise Zuschauerraum, Bühne und Orchesterraum zu erweitern, hat dieser Experte der Theaterarchitektur des Rätsels Lösung sehr einfach gefunden. Bekanntlich war nur der einstige Bühnenraum vom Brande, der das Haus im Krieg zerstörte, verschont geblieben: er machte bisher den ganzen Theaterraum aus. Kallmorgen fügte einen auf Stahlbalken gestützten „Kasten“ an, der ein gut Teil des alten, zerstörten Zuschauerraumes ausfüllt und später, wenn man eine vollständige Erneuerung des Hauses sollte vornehmen können, leicht entfernt werden kann. „Drinnen“ haben Bühne und Orchesterraum nun verbreitert werden können, so daß heute Aufführungen auch der „Großen Oper“ möglich sind; „draußen“ finden so viele neue Gäste Platz, daß statt rund 600 Zuschauer jetzt deren 1200 teilnehmen können. Die Hamburger hatten also allen Grund, die neue Opernsaison festlich zu eröffnen. Und so geschah’s.

Martin