Von unserem Londoner Korrespondenten

E. G. London, im Oktober

Natürlich steckt hinter dem Wort der „ziellosen Demontage“ mehr als die persönliche Meinung des amerikanischen Hohen Kommissars McCloy. Das Naserümpfen, mit dem seine „Taktlosigkeit“ in amtlichen britischen Kreisen gerügt wird, ist Beweis genug, daß McCloy eine sehr schmerzhafte Wunde berührt hat. Man muß jedoch weit über die Demontage hinausdenken, um ermessen zu können, wie tief der Schmerz sitzt.

Die deutsch-britischen Beziehungen sind mit den Unzulänglichkeiten beider Partner belastet. Fangen wir ruhig mit den eigenen Schwächen ans Wir zeigen als Menschen – und sie sind es ja, von denen alle „Politik“ ausgeht – sehr wenig von der Demut, die einem erst kürzlich gefährlicher Irrtümer Überführten zukommt. Wir hatten damals zu wenig „Mum“ und wir haben jetzt zu wenig Selbsterkenntnis und Selbstkritik. Wir spüren dies wohl – und sind um so empfindlieber, wenn uns andere kritisieren. Wir sind auch nicht sehr dankbar veranlagt, weder gegenüber materieller Unterstützung noch gegenüber anderer, wichtigerer Hilfe. Wir neigen dazu, eigenes Versagen schnell zu vergessen, übereilig den Rat anderer als ungeeignet abzulehnen und ungeduldig nach einer Freiheit zu rufen, die wir in jüngster Vergangenheit zu niemandes Nutzen anzuwenden verstanden.

Die Menschen im Ausland, das wird jeder bestätigen, der seit Kriegsende kürzere oder längere Zeit „draußen“ war, halten uns die Vergangenheit nicht bösartig, sondern verwirrt-fragend vor, Sie glauben gern, daß die Gegenwart noch mit den Schwächen der Genesung belastet ist, halten jedoch eine tätige Wiedergutmachung – nicht so sehr dem Auslande, wie den eigenen deutschen Brüdern gegenüber – für angebrachter als laute Proteste über mangelndes Verständnis der anderen. Übereinstimmend sprechen ausländische Besucher von den beiden Deutschland: nicht von Ost und West, sondern vom Flüchtlings- und vom Besitzdeutschland und vom allzutiefen Graben zwischen beiden. Bevor man sich mit den Freunden im Auslande über Mängel in der Behandlung Deutschlands unterhalten kann, kommen stets diese Widersprüche bei uns zu Hause zur Sprache? Erfolge beim Wiederaufbau und Mängel in der sozialen. Gerechtigkeit, zu laute Forderungen nach außen und zu geringe Anforderungen an uns selbst.

Und nun zur anderen Seite, den Engländern und ihrer Politik. Vielleicht haben wir von ihnen zu viel erwartet: nicht nur, daß sie uns das Pferd wiedergeben und uns am Rennen teilnehmen lassen, sondern daß sie uns auch noch in den Sattel heben würden. Diese Erwartung übersah. daß England selbst einen schweren Nachkriegsstart hatte, daß es gewaltige Anstrengungen machen mußte, als eigentlich eine gehörige Erholungsperiode vom „Kampf ums Überleben“ notwendig gewesen wäre. Auch die uns wohlgesinnten Engländer sehen die nachbarliche Pflicht darin erfüllt, uns vor dem Verhungern zu bewahren. Doch was ist „Verhungern“? Das war 1945 und auch noch 1947 leicht zu beantworten. 1949 hält England dieses Problem für gelöst – von der allgemeinen europäischen Hilfsbedürftigkeit unter dem Marshall-Plan abgesehen, von dem man nun wieder in England etwas zu viel schweigt.

Den Engländern aber, denen die britische Selbstbehauptung (als Imperium, als internationale Großmacht, als Inselvolk von 50 Millionen) besonders am Herzen liegt, erscheint es keineswegs als „unmoralisch“, wenn das „kriegsschuldige“ Deutschland ein härteres Schicksal trifft als das zeitweise völlig allein kämpfende, selbst von seinen Freunden schon halbwegs aufgegebene England. Demontagen, verbotene Industrien, eingeschränkte Schiffahrt, ungünstige Abwertungsspanne – alle diese Benachteiligungen erscheinen ihnen „nicht so schlimm“, gemessen an dem, was Nazi-Deutschland anderen zufügte. Ein Ausgleiten dieser „Entschuldigung“ der Selbstbehauptung in eine Revancherechnung findet jedoch in der britischen Öffentlichkeit keine Resonanz. Jede derartige Äußerung entfesselt ein halbes Dutzend empörte Zurückweisungen, um so mehr als sich im britischen Gewissen doch einige Zweifel eingeschlichen haben, ob die Demontage wirklich nur der Sicherheit dient und nicht vielleicht doch der Egoismus einiger „Sieger“ (ein in England sehr unbeliebtes Wort) dabei im Spiele ist.