Gw., London, Mitte Oktober

Hätte England mehr Kohle, könnte es mehr exportieren; denn britische Kohle ist von besonderer Art, ob es sich um die „trockene“ Dampfkohle handelt, um die Kokskohle oder gar um Anthrazit-Kohle, um die sich nicht nur europäische, sondern auch nord- und südamerikanische Abnehmer reißen. Neben diesen Spezialsorten rangiert die „gewöhnliche“ Steinkohle durchaus an zweiter Stelle, im Export wie in der Inlandsnachfrage.

Es ist noch zu früh, die Auswirkungen der Abwertung an einzelnen Kohlenpreisen ablesen zu wollen. Denn meist sind die Preise in bilateralen Handelsverträgen oder in langfristigen Einzelkontrakten verankert. Doch in Einzelfällen hat sich in Angeboten für die Schweiz und für Belgien eine Erhöhung der Sterling-Preise um 2s6d bis 5s/t ergeben, und zweifellos wird das National Cool Board sich bemühen, so viel wie möglich vom „Abwertungsgewinn“ In britische Taschen fließen zu lassen.

Dabei lagen Englands Kohle-Exportpreise schon vor der Abwertung erheblich über den Inlandpreisen. Aus den Ausfuhrerlösen für 16 Mill. t war ein Zuschuß von 1s6d/t für 180 Mill. t Inlandsabsatz möglich. Unrentabel ist der Export also nicht bei Durchschnittskosten von 45s7d/t.

Englands Sorge ist es, wie die Kohlenproduktion genügend erhöht werden kann, um neben dem Inlandsbedarf zusätzlich Kohle für den Export freizumachen. Das Ziel ist eine jährliche Ausfuhr von 23 Mill. t – durchaus bescheiden, gemessen am Export von 52 Mill. t im Jahre 1937 aus einer Erzeugung von 240 Mill. t. Aber der Weg dorthin ist hoffnungslos steil. Für 1949 wird man kaum über 18 Mill. t Export hinauskommen – und dies, obwohl der Inlandsverbrauch infolge des warmen Sommers hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist. Man sagt jedenfalls, das sei allein auf den warmen Sommer zurückzuführen; aber, das Symptom, daß ein größerer Teil der steigenden Stahlproduktion in die Vorratshaltung der Industrie geht und daß im 2. Quartal die Stahlproduktion bei 144, der Stahlverbrauch bei 134 des Standes von 1946 lag, deutet auch auf geringeren industriellen Kohlenverbrauch in manchen Zweigen hin.

Wie sind die weiteren Produktionsaussichten für Kohle? In einem Worte: Ungenügend. Im vergangenen Jahr wurden 208,4 Mill. t gefördert. Für 1949 sind 215 bis 220 Mill. t geplant, etwa 213 bis 214 Mill. t werden erreicht werden. Doch das ist nicht alles. Die Aussichten für 1950 haben sich erheblich verschlechtert. Anfang 1949 hieß es im Economic Survey: „Der Schlüssel zum Erfolg ist regelmäßiges Erscheinen zur Arbeit, größere Leistung je Schicht und eine größere Zahl von Arbeitern vor Ort.“

Von diesem dreigeteilten Bart des Schlüssels sind zwei Teile abgebrochen: Die Fehlschichten haben sich nicht vermindert, sondern von 11,45 auf 12,59 v. H. erhöht, obwohl sich der britische Gesundheitszustand keineswegs verschlechtert hat. Und die Zahl der Arbeiter an der Kohle. – die sich 1948 von 291 000 auf 296 000 erhöhte und die man bis Ende 1949 auf 310 000 zu steigern hoffte – hatte sich Mitte 1949 mühsam auf 297 000 heraufgearbeitet und ist seitdem gefallen: gegenwärtiger Stand 294 000. Die Gesamtzahl der Bergarbeiter ist zudem rückläufig mit gegenwärtig 713 000 gegenüber 725 000 vor einem Jahre und einem „Plan“ für Ende 1949 von 736 000.