Land zwischen Terror, Not und Kriegsgerichten

Von Alexander Kriesch

Seit Marschall Woroschilow anläßlich des fünften „Befreiungsjubiläums“ am 23. August Bukarest besuchte, wird in Rumänien wieder fieberhaft gehamstert: Salz, Leuchtpetroleum und Zündhölzer sind seitdem in diesem Lande der Ölquellen und der Salzgruben genau so knapp wie sie im Kriege waren. Die Atmosphäre der allgemeinen Spannung, in der die RPR (Republica Populara Romana = Rumänische Volks-Republik) lebt, erzeugt stets neue Schwärme von Kriegsgerüchten, und zwar nicht nur unter dem einfachen Volk. Das Volk aber hat sich den religiösen Sekten zugewandt, wie den „Zeugen Jehovas“, noch mehr aber den „Zitterern“ und „Zweikreuzlern“, die das Weltende prophezeien und trotz schlimmer Verfolgung durch die Behörden Hochkonjunktur erleben.

Der Rajk-Prozeß in Ungarn mit seiner kriegerischen Hetze gegen das Tito-Regime goß neues Öl auf die Flamme der Kriegspsychose, die durch Nachrichten über sowjetrussische und rumänische Panzergruppenmanöver an der jugoslawischen Grenze, durch Meldungen von einem besonderen Paßzwang bei Reisen in die Grenzzonen, Einstellung des zivilen Luftverkehrs über dem bereits seit Januar in den Belagerungszustand versetzten Banat und ähnliches mehr ständig neue Nahrung erhält.

So wurde auch die jährliche Überprüfung der Wehrpässe in diesem Jahre eiligst in den Sommermonaten, statt wie bisher im Winter, vorgenommen, und ihr folgten Serien von Einberufungen. Schon seit Juli werden die bisherigen Personalausweise gegen neue umgetauscht, wobei jede Person durch die Volksmiliz und die politische Geheimpolizei bis auf die Nieren „durchleuchtet“ wird; die Standesämter der größeren Städte mußten besondere Bürostunden zur Ausstellung von Geburtsscheinen einrichten, da zum Erhalt der neuen „Carte de identitate“ außer Zeugnissen und Bescheinigungen über Beruf, Anstellung und so weiter auch ein Geburtsschein vorgeschrieben ist.

Diese Maßnahme richtet sich zweifellos vor allem gegen die Partisanen und sonstigen „Feinde der Volksdemokratie“. Im Juni fand in Temesburg (Banat) ein groß angelegter Partisanenprozeß statt, in dem von den zwölf Angeklagten fünf, darunter ein ehemaliger Fliegeroberst, ein Rechtsanwalt, ein Kaufmann, ein Privatangestellter und ein Landwirt, vom Militärgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden. Damit ist aber die Partisanenbewegung bei weitem nicht aus der Welt geschafft. Sie hat ihr Zentrum nur von den südtranssylvanischen Alpen nach dem Nordosten verlagert, wie dies neuerdings aus Urteilen ersichtlich wird, die von Gerichten der größeren Städte westlich und östlich der Ostkarpaten gegen „Banditen“ (in Wirklichkeit meistens enteignete Kulaken, entlassene Berufssoldaten und andere Verfolgte des Regimes) gefällt werden. Beim Kampf gegen die Partisanen ist die Bukarester Regierung neuerdings sogar dazu übergegangen, besondere Eisenbahngerichte „zur Aburteilung der gegen die Sicherheit des Eisenbahnverkehrs begangenen Delikte“ zu bilden. Die Verhandlungen dieser Sondergerichte sind geheim.

Säuberung der Armee