Von Ivo Hauptmann

Oslo, im Oktober

Mein alter Freund, der Maler Rolf Nesch, hatte mich nach Oslo eingeladen. Er war Norweger geworden, nachdem er Anno 1933 emigriert war. Drei schwere Jahre hatte er zunächst im fremden Land erlebt auf Inseln in der Umgebung von Oslo, in baufälligen Hütten, in Kälte und Schnee –, eine Not, die ihn dem Untergang nahebrachte! Und nun – Anno 1949 – machte ich mich auf, ihn zu besuchen ... Ach, ich erinnerte mich unterwegs sehr gut daran, wie ich im Jahre 1896 mit meiner Mutter nach Norwegen hatte reisen dürfen. Damals besuchten wir Henrik Ibsen in Oslo an seinem gewohnten Platz im Grand Café, wo er es für richtig hielt, mir, dem zehnjährigen Jungen, einen Kognak anzubieten mit der Begründung, daß in den nordischen Ländern diese Getränke höchstnotwendig seien. Meine Mutter und ich reisten danach weiter nach Lilleelfdal, um von dort aus mit Cariols, den zweirädrigen Wagen, über Stock und Stein zwölf Stunden lang hinauf ins Gebirge zu fahren, wo in größter Einsamkeit Arne Garborg seinen Hof Kolboten errichtet hatte: der große Vorkämpfer der Selbständigkeit Norwegens. Die kleinen Blockhäuser, die den Hof bildeten, waren aus schweren Holzstämmen zusammengefügt, und wir wurden oft angehalten, die Ritzen, die zwischen den Balken entstanden, mit Moos auszufüllen, um der eindringenden Kälte und Feuchtigkeit Einhalt zu gebieten. Arne Garborg aber saß tagelang mit entzündeten Augen vor seinem Kamin, der auch im Sommer brannte, und sah den Flammen zu. Heute ist Kolboten norwegisches Nationalheiligtum ... Ach, ja! Damals, mit Mutti, war es bequemer zu reisen. Man fuhr los und kam an. Heute? Welche Plackerei mit Pässen, Bescheinigung, Kontrollen! Endlich sehe ich die Stadt, die ich vor 53 Jahren zuletzt gesehen habe. – Eine wunderbare Stadt breitet sich vor nur aus. Oslo! Der Zug fährt ein. Ich nehme meine Koffer beherzt und suche Nesch...

Da kommt er! Wir umarmen uns und klopfen uns auf den Rücken. Ein Schwarm von heiteren Zeitungsberichterstattern umgibt uns, und ich muß von Ibsen erzählen, von Garborg, von Deutschland, von der Malerei und den armen Studenten der Landeskunstschule in Hamburg. –

Wir fahren ins Hotel und gehen zu Mittag in ein kleines Restaurant hinter dem überdimensionalen, aus roten Backsteinen aufgeführten Rathaus, dessen beide kubischen Türme die Stadt und den Fjord beherrschen. Und dann in Neschs Atelier und ins Norske-Volksmuseum, wo Nesch seine schweren Materialbilder untergebracht hat. „Strand“, „1915“, „Fliegeralarm“, „Anbetung“, „Der schlafende Odysseus mit der Traube“, „Homer“, „Die Versuchung des heiligen Antonius“, „Nacht“ – das sind die Titel der Bilder. Es sind sozusagen plastische Glasfenster, farbige Reliefs. Die Formen sind mit breiten Metallbändern eingefaßt, die auf Zinkplatten aufgelötet sind. Die so entstandenen Hohlräume sind zum Teil ausgespart, zum Teil ausgefüllt mit farbigem Glas, zum Teil bemalt, zum Teil mit polierten Steinen versehen. Eine ungeheure Energie, eine ungeheure Arbeitsleistung!

Ich sah solchc Bilder Neschs später auch in verschiedenen Privatsammlungen in modernen Häusern, wo sie eine großartige Wirkung hatten. Der Norweger hat eben Platz und sammelt Kunst, hauptsächlich Kunst aus seinem Land. Wie gut wäre es für die deutschen Künstler, wenn sie im eigenen Lande mehr Unterstützung fänden! Bei uns schielt man dahin und dorthin, anstatt zu Hause zu beginnen und die eigene Kunst zu fördern. Im Nationalmuseum zu Oslo aber ist vor allem die norwegische Malerei vereint, und ich habe es als richtig empfunden, da man so einen Eindruck vom künstlerischen Schaffen dieses Landes gewinnt, wenn auch durchaus nicht alles von internationaler Bedeutung ist. Das Museum einer Stadt oder eines Landes hat sich zuerst der eigenen Produktion anzunehmen.

Wir fuhren nach Ekeby, um Edvard Munchs Heim zu sehen. Dort standen noch die sieben Häuser, die Munch einst erbauen ließ, um sicher zu sein, daß, falls eines abbrenne, in den andern seine Werke noch erhalten blieben. Aber die Anlage machte heute einen traurigen Eindruck. Ist sie doch zum Teil mit Stacheldraht eingezäunt! Vielleicht könnte man den Platz mit neuem Leben erfüllen, wenn man Malern das eine oder andere Haus für ihre Arbeit zur Verfügung stellte. Übrigens sahen wir beim Kunsthändler Rolf Hansen in Oslo moderne norwegische Malerei, die auch in Deutschland entstanden sein könnte, darunter ein Herrenporträt von Munch, das seinerzeit zu dem Besitz der Hamburger Kunsthalle gehörte und vom „Dritten Reich“ als entartet verkauft wurde.

Manches von dem, was ich in Oslo sah, war mir verwunderlich und neu, vor allem die vielen amerikanischen Wagen, der tobende, wilde Verkehrstumult auf den Straßen. Aber als ich die schöne Karl-Johansgate entlang ging, sah ich einem Schutzmann zu: als man ihm eine Zeitung auf das Podest legte, verließ er es sogleich, ließ Verkehr Verkehr sein, der sich reibungslos weiter abwickelte, und nahm auf der nahen Bank Platz, um seine Zeitung zu lesen. – Da fand ich das alte Norwegen wieder.