Nach seinem Münchner Gastspiel tritt Fritz Kortner im „Theater am Besenbinderhof“ zu Hamburg in der gleichen Rolle auf: der des Rittmeisters in Strindbergs Problemstück „Vater“.

München, im Oktober

Fritz Kortner, einst unter Jeßner in Berlin ein Prominenter des deutschen Theaters, ist seit seiner Rückkehr aus der Emigration in München zuallererst als Stück-Autor („Donauwellen“), dann im Film („Der Ruf“), nun aber, nachdem die für amerikanische Staatsbürger diesbezüglich bestehenden Schwierigkeiten überwunden sind, endlich auch wieder als Bühnendarsteller, also in seinem eigentlichen Element, hervorgetreten. Und zwar in der Rolle, die vor anderen Paul Wegener berühmt gemacht hat: als „Rittmeister“ in Strindbergs Trauerspiel „Der Vater“. Man erinnert sich: das ist der Mann, den seine Frau, Laura, auf den inzwischen psychoanalytisch illuminierten Dunkelwegen des Geschlechterhasses, der Machtgier und Lüge (und Dummheit) um den Verstand ringt, im letzten damit, daß sie Zweifel über seine Vaterschaft an ihrer beider Tochter in ihm erst spielerisch, dann mit Absicht erweckt. Die Prägung, die Kortner dieser peinvollen Figur zuteil werden läßt, ist eine dreifache Überraschung. Dreifach deswegen, weil Kortner nicht nur das Opfer spielt, sondern die Opferhandlung auch selbst inszenierte, und das auf Grund eigner tief eingreifender Bearbeitung von Strindbergs Werk,

Es sind ja, seit man eine Strindberg-Renaissance einzuläuten versucht hat, Zweifel aufgetaucht, ob seine bis ins Humorlose und Tickhafte reichende Leid- und Haßwelt noch auf der Bühne bestehen würde. Mag sein, daß solch ein Zweifel auch an der Kortnerschen Bearbeitung mitgewirkt hat. Aber indem er das ausdrücklich „Trauerspiel“ genannte Stück in eine Komödie mit satirischen, ja karikaturistischen Tendenzen hinüberinszenierte, hat er doch offensichtlich einem eigenen Anliegen und Trieb stärker gehorcht als der Sorge um ein nur so etwa zu „rettendes“ Bühnenwerk.

Die Folgen sind bemerklich genug. Das Stück, aus Strindbergs naturalistischer Vor-Damaskus-Periode stammend, zeigt bei aller Haß-Lüftigkeit doch immer die Tendenz, sich in ausgleichende Gerechtigkeit zurückzufangen. So ist der darin vorkommende Pastor zwar ein Leisetreter, der die imitatio Christi nicht in der Tat sucht, wenn diese in Skandale hineinführen könnte; aber der selbstzufriedene Heuchler, zu dem ihn der Spielleiter Kortner verzerren ließ, ist er nicht. Und der Arzt ist bei Strindberg ein braver, bemühter Landdoktor, viel zu brav, um gegen so viel Lüge und Bosheit innerlich aufzukommen; aber erst Kortner machte ihn zu einem eitlen, Laura fast augenblicklich hörigen Fant. Hält man solche grellen Umwertungen mit dem naturalistischen Spielbrauch – etwa bei Wegener – zusammen, dann erscheint als deren ,Gewinn‘ ein totaler Bitterkeitsanspruch, ein Verwerfen der so überaus minder gearteten Menschheit. Aber er ist erkauft durch einen Verlust der Gerechtigkeit und jenes Mitleids, das einem echten Gefühl antwortet! Ausbrennen des Gefühls (als wäre Gefühl eo ipso kitschig) und Hohn auf diese gebrechliche Welt, das sind also die Pointen der Kortner’schen Inszenierung. Doch auch wer sie verzeichnend findet, muß zugeben, daß sie in einem Punkte – dank Maria Wimmer – zu einem großartigen Resultat kommt: in der Figur der Laura. Kalkweißen Gesichts, mit jener gedrehten Taille und markierten Büste, wie sie einst Rezniceks Frauengestalten zeigten, mit Ohnmachts- und Leidensmiene, mit einem jäh hervorzüngelnden süßen Lächeln spielte sie das Wesensbild des Vampirs hinter den Lineamenten des Jugendstils. Natürlich wirkte das Sichberufen auf die Religion der Liebe gegenüber dem freigeistigen Gatten bei dieser blutsaugenden Geisterfüchsin nur noch grotesk; auch echte Schuld- und Reuegefühle schienen ihr verwehrt. Aber es war doch ein Sieg der Gestalt, nicht bloß jene Entlarvung, die uns zuinnerst kalt läßt.

Und Kortner selbst? Wer ihn vor zwanzig Jahren spielen gesehen, war überrascht über die österreichisch diskrete, schwermut-betonte Darstellung, die der einst so schneidend agierende Mime dem „Rittmeister“ zuteil werden ließ, so daß ihm zum Beispiel vom militärischen, im Gegensatz zu Wegener, nicht ein Hauch verblieb. Dieses dämpfende Nach-innen-nehmen bewies das Selbstvertrauen einer gereiften Persönlichkeit, die meisterlich ihre Mittel im Zaum hält. Aber indem Kortner die Akzente sowohl der Männlichkeit wie des Krankseins kaum gegeneinander ausspielt, wie Wegener das tat (der das eine blieb und das andere nur anfallsweise zu werden schien), schwächte er unsere Teilnahme besonders in der Zwangsjackenfesselung: die Situation schien da bereits unabänderlich und sein Lamento insoweit spannungslos, quälend. Übrigens fand Kortner mit allen Darstellern des zur Komödie gemachten Trauerspiels einen so stürmischen Beifall, das der Problematik seiner Bearbeitung darin nicht mehr gedacht schien. Es ist daher wohl Pflicht der Kritik, wenigstens auf sie hinzuweisen.

Hanns Braun.