Die offiziellen und geheimen deutsch-russischen Verhandlungen über Krieg und Frieden – III. Ein Kreml-Bote in Stockholm

Von Peter Kleist

Wie es zum Krieg kam – ein volles Jahrzehnt Ist seitdem vergangen und noch lange werden wir unter seinen Folgen leiden – hat Peter Kleist in den beiden vorigen Ausgaben der „Zeit“ aus der Perspektive des Diplomaten, der die entscheidenden Verhandlungen miterlebte, geschildert. Den Verhandlungen folgten Handlungen, die nur allzu bekannt sind, denn an ihnen war so gut wie Jeder Deutsch beteiligt: militärische Erfolge gegen den Westen, denen Sowjetrußland Beifall klatschte, Siege gegen den Osten bis zur Schicksalswende nach der Schlacht von Stalingrad. Dann erst, als die drohenden Wolken sich über Deutschland zusammenballten, konnten Jene Männer der deutschen Diplomatie, die weder Nazis noch Hasardeure waren, gewisse Versuche wagen, vielleicht in letzter Stunde zu retten, was zu retten war. Es blieben Versuche, genährt von Hoffnungen, die fehlschlugen. Unter ihnen sind geheime Verhandlungen, die in Stockholm geführt wurden, bisher fast unbekannt geblieben. Peter Kleist leitete sie aus eigenen Stücken ein. Er fand den äußeren Anlaß dazu, weil er beauftragt war, über Umsiedlungsmöglichkeiten sowohl der sogenannten Insel-Schweden, die seit Jahrhunderten auf den estnischen Ostsee-Inseln wohnten, als auch der finnenstämmigen „Ingermanländer“ zu verhandeln, die im Baume um Petersburg siedelten. So unternahm der Verfasser unserer Veröffentlichungsreihe zwei Reisen nach Schweden. Und bei seinem ersten Aufenthalt in Stockholm im Jahre 1943 tauchte ihm eine sehr seltsame Frage auf: Gibt es eine Möglichkeit, bestehen greifbare Voraussetzungen,mit den Sowjets zu verhandeln, ausgerechnet mit den Sowjets, die manche siegreiche Schlacht geschlagen?

Sollte das Erstaunliche möglich sein, daß in der östlichen Mauer, die man gerade in diesem Augenblick für undurchdringlich hielt, sich ein Tor öffnete? Ein deutscher Bekannter in Stockholm erklärte mir, er müsse mir eine Bekanntschaft vermitteln. Es handele sich um einen Mann, der beste Beziehungen zur Sowjetgesandtschaft in Stockholm habe

Der Gedanke, durch diesen so dringlich empfohlenen Mann Beziehungen zu Madame Kollontai aufzunehmen, war nicht ohne Reiz. Diese Frau, die Tochter eines Flügeladjutanten des Zaren, war in der Oktoberrevolution des Jahres 1917 als Frau eines kommunistischen Matrosen auf die Barrikaden gegangen; sie hatte Bücher über die freie Liebe geschrieben, und von ihr stammte das Wort, ein Liebesgenuß zähle nicht mehr als ein Glas Wasser. Sie war eine der nächsten Mitarbeiter Lenins geworden und war zur Botschafterin der Sowjetunion für Skandinavien avanciert. Ich zog Erkundigungen über den Mittelsmann ein, die recht widersprechend waren: Herr Clauss stammte aus Osteuropa, sprach ebenso schlecht deutsch wie russisch, hatte in Lettland, Litauen und Deutschland als Geschäftsmann gelebt und war jetzt in Schweden vor Anker gegangen. Er war verheiratet mit einer Schwedin russischer Herkunft und hatte erwiesenermaßen Verbindungen sowohl zu Madame Kollontai als auch zu dem ersten Botschaftsrat der Sowjetgesandtschaft, Semjonow, der nach der Kapitulation nachmals durch seine Tätigkeit in Karlshorst weiteren Kreisen bekannt werden sollte.

Flottes Tempo

Obgleich eine Möglichkeit, anstatt mit den Sowjets mit dem Westen zu verhandeln, ursprünglich in der Richtung meiner Absichten gelegen hatte, ging ich schließlich auf den Vorschlag meines Bekannten ein, und ich traf, unter den nötigen Vorsichtsmaßnahmen, Herrn Clauss an einem unauffälligen Ort. Er berichtete eine Fülle interessanter Neuigkeiten über Politik und Kriegführung der Sowjetunion. Er selbst sei zwar nur ein Geschäftsmann, der sich für die Politik nicht interessiere. Er habe aber den Eindruck, daß auf sowjetischer Seite die Bereitschaft bestehe, einen Ausgleich mit Deutschland zu suchen, um diesen Krieg, der für die Sowjetunion so verlustreich sei, möglichst schnell zu beenden. Darum sei er bereit, die ihm zugefallene Mittlermöglichkeit aufzugreifen. Ich könne durch ihn jederzeit einen Kontakt mit den Leuten von der Sowjetgesandtschaft erlangen.