Die 16 Industriegewerkschaften Westdeutschlands haben sich auf einem Kongreß in München zum „Deutschen Gewerkschaftsbund“ zusammengeschlossen, der Düsseldorf als seinen Sitz bestimmt hat. Mit starker Mehrheit haben etwa 800 Kongreßteilnehmer als Vertreter von annähernd fünf Millionen organisierten Arbeitern den bisherigen Leiter des Gewerkschaftsbundes für die britische Zone, Dr. h. c. Hans Böckler, zu ihrem Bundesvorsitzenden gewählt. Der heute Vierundsiebzigjährige, der seit seinem 20. Lebensjahr in der Gewerkschaftsarbeit steht, übernimmt damit die verantwortungsvolle Aufgabe, die gesammelte Kraft dieser an Menschenzahl größten deutschen Organisation in die richtigen Bahnen zu denken. Über die Schwierigkeit dieses Vorhabens und ihre Lösungsmöglichkeiten hat Hans Böckler in den vielen Jahren erzwungener Untätigkeit von 1933 bis 1945 und im Konzentrationslager länger, als ihm lieb war, nachsinnen können. Verfassung und Programm des neuen „Deutschen Gewerkschaftsbundes“ sind zum großen Teil das Ergebnis seiner damaligen Gedanken und Überlegungen.

Die Aufgabe eines Gewerkschaftsführers ist nicht ohne innere Widersprüche. Ein wirtschaftlicher oder geistiger Interessen verband ist unproblematisch und leicht zu führen, solange er die Interessen einer kleinen Gruppe gegenüber denen anderer abgrenzt und verteidigt. Umfaßt er aber große Teile der Arbeiterschaft eines ganzen Volkes, so wird der Verband zu einem Machtfaktor im Staate, der von der Masse seiner Mitglieder dazu gedrängt werden kann, über die wirtschaftliche Interessenvertretung hinaus in die Politik einzugreifen. Das bedeutet eine Überschreitung der legitimen Funktion und führt zu Mißstimmungen bei den übrigen Mitgliedern der Gemeinschaft.

Der Kern der gewerkschaftlichen Arbeit ist die „Demokratisierung der Betriebe“ und die Interessenvertretung der Arbeiter. Böcklers Programm hält sich im wesentlichen in diesem Rahmen, wenn er Erhaltung der Vollbeschäftigung, Bekämpfung der Demontagen, Verbesserungen auf dem Gebiet der Reallöhne, der Wohnverhältnisse und der Sozialversicherung und das Mitbestimmungsrecht der Arbeiter in den Betrieben verlangt. Auf dem Bochumer Katholikentag ist dieses Mitbestimmungsrecht der Arbeiter besonders hervorgehoben und als göttliches Naturrecht bezeichnet worden. Für diese echten gewerkschaftlichen Ziele darf die ganze Kraft der Massenorganisation aufgeboten werden, und man muß den deutschen Gewerkschaften das Zeugnis ausstellen, daß sie in diesen Jahren ihr letztes Machtmittel, den Streik, niemals mißbraucht haben, wie das in anderen Ländern geschehen ist. Man darf erwarten, daß Hans Böckler auch in Zukunft nach seinem bewährten Leitsätze „Die Ruhe muß es machen“ mit kluger Beschränkung an die Verwirklichung dieser Teile des Gewerkschaftsprogrammes herangeht.

Die Problematik gewerkschaftlicher Arbeit stellt sich ein, sobald die Wünsche über eine Verbesserung der materiellen und sozialen Lage der Arbeiterschaft hinausgehen und das erstreben, was in der Gewerkschaftsterminologie die „Demokratisierung der Wirtschaft“ heißt. Dann geht es um die Sozialisierung der Schlüsselindustrien, die Planwirtschaft und andere politische Fragen, über die nach dem Grundgesetz das Parlament und seine Parteien zu entscheiden haben. Der jetzt gegründete „Deutsche Gewerkschaftsbund“ verzichtet in seinen Satzungen bewußt auf jede parteipolitische Funktion. Das ist ein guter Vorsatz. Auf die Gesetzgebung sollen die Gewerkschaften mangels eigener verfassungsrechtlicher Befugnisse über die gewerkschaftlich organisierten Parlamentarier im Sinne ihrer Wünsche Einfluß nehmen, nicht über durch direkten Druck.

Das „honoris causa“ seines Doktortitels, den ihm die Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Köln im Jahre 1948 für Verdienste um die deutsche Arbeiterschaft verliehen hat, bedeutet für Hans Böckler eine Verpflichtung zu Weisheit und Maß. Daß er sein Arbeitsleben in der Goldschmiedelehre begann, mag als ein gutes Omen für die Feinfühligkeit gelten, mit der er die große Aufgabe seiner späten Lebensjahre als Führer der deutschen Arbeiter erfassen wird. C. Dohlen