Ein gewaltiges Stauwerk in Uganda soll die Wassermassen des oberen Nil in elektrische Kraft verwandeln und einen gleichmäßigen Wasserstand im Niltal gewährleisten, so gab kürzlich ein britisch-ägyptisches Kommuniqué bekannt. Pläne zur Nilregulierung sind schon oft der Öffentlichkeit vorgelegt worden. Neu ist an den jetzigen Projekten, daß sie von englischer und ägyptischer Seite gemeinsam ausgearbeitet wurden, daß Ägypten sich bereit erklärte, 40 v. H. der Baukosten zu tragen und daß die ägyptische Regierung völlig gleichberechtigt mit der britischen über die Verwendung und Ausnutzung des neuen Stauwerks entscheiden soll.

Mit dieser wirtschaftlichen Vereinbarung ist ein wichtiger Schritt in der ägyptischen Außenpolitik vollzogen worden. Seit Kriegsende hat Ägypten stets jede Zusammenarbeit mit Großbritannien abgelehnt, ehe nicht die ägyptischen Hauptforderungen: Zurückziehung aller englischen Truppen vom ägyptischen Boden und Unterstellung des Sudan unter die ägyptische Krone, erfüllt seien. Aber nicht nur gegenüber Großbritannien stand Ägypten in starrer Opposition. Auch die Beziehungen des Nillandes zu anderen Staaten beschränkten sich auf das unbedingt Notwendige. Den USA vergaß man ihre Unterstützung Israels nicht; einer Verständigung mit Frankreich standen die von Ägypten unterstützten Freiheitsforderungen der Nordafrikaner im Weg, und die arabischen Nachbarstaaten wurden schon während des Palästinakrieges und noch stärker danach mit äußerstem Mißtrauen betrachtet.

Die ägyptische Presse aller Schattierungen konnte sich nicht genug tun in heftigen Angriffen gegen alle Welt: gegen die Westmächte und den Ostblock, gegen die Zionisten, Haschemiten und sonstige moslimische Dynastien. Der ohnehin starke Nationalismus des ägyptischen Volkes wurde aufgeputscht, und wirklich populär waren nur die fremdenfeindlichen Maßnahmen der Regierung.

Unter diesen Umständen ist die Zustimmung des Königs zu dem anglo-ägyptischen Abkommen über den Uganda-Damm eine kühne Tat – vor allem, wenn man bedenkt, daß zahlreiche arabische Regierungen in den letzten Jahren wegen angeblicher „Kollaboration“ mit dem Westen gestürzt worden sind. Schon zeichnet sich auch auf anderen Gebieten eine größere Bereitwilligkeit Ägyptens zur Vertiefung internationaler Beziehungen ab. Eine Geheimkonferenz des ägyptischen Premiers Sirry Pascha und des Hofministers mit dem britischen Geschäftsträger in Kairo deutet neben einem Interview des ägyptischen Botschafters in London auf die Wiederaufnahme ägyptisch-britischer Vertragsverhandlungen hin. Auf diese Weise würde endlich dem vertragslosen Zustand, der seit Ablaufen des anglo-ägyptischen Vertrages von 1936 besteht, ein Ende bereitet. Handels-, Finanz- und Kulturabkommen mit Frankreich sind unterzeichnet oder in Vorbereitung. Die unter Leitung des Amerikaners Clapp von der Tennessee Valley Authority stehende UN-Planungskommission zur Ansiedlung arabischer Flüchtlinge wurde von der ägyptischen Regierung nahestehenden Blättern sachlich kommentiert, während Zeitungen anderer arabischer Länder sie scharf als „Werkzeug des amerikanischen Imperialismus“ angriffen. Auch der bevorstehende Besuch König Faruks bei Franco ist in diesem Zusammenhang zu sehen. Er soll Ägypten die Möglichkeit geben, mit den südamerikanischen und katholischen Ländern ins Gespräch und zur Abstimmung ihrer Politik in der UNO zu kommen. Und schließlich ist die Tatsache beachtenswert, daß Ägypten die Anwesenheit eines israelitischen Delegierten auf der Internationalen Gesundheitskonferenz von Alexandrien zuließ.

Die innenpolitische Entwicklung der letzten Monate ist nicht weniger bemerkenswert. Mit der vor Monatsfrist erfolgten Bildung eines „Kabinetts der nationalen Konzentration“ unter dem parteimäßig nicht gebundenen Sirry Pascha und der Aufhebung des Ausnahmezustandes gab der König zu verstehen, daß die im Herbst dieses Jahres fälligen Parlamentswahlen wirklich frei sein sollen. Alle unbeeinflußten Beobachter aber sind sich darüber einig, daß freieWahlen nur einen Sieg der Wafdpartei bedeuten werden. 1944 war sie, obgleich die stärkste Partei auch des damaligen Parlaments, durch den König von der Regierung ausgeschlossen worden. Bittere persönliche Feindschaft zwischen dem Wafdführer Nahas Pascha und dem König machte jede Verständigung unmöglich. Die Wahlen von 1945 wurden vom Wafd boykottiert und brachten den völlig unter Faruks Einfluß stehenden Parteien, den Saadisten und Liberalen, einen leichten Sieg.

Der Entschluß des Königs, dem Wafd jetzt eine verhältnismäßig sichere Chance zur erneuten Machtübernahme zu geben, mag ihn viel Selbstüberwindung gekostet haben. Man nimmt allerdings an, daß Nahas Pascha selbst sich mit der Stellung eines Kammerpräsidenten begnügen und seinen Stellvertreter Sirrag el Din Pascha zum Ministerpräsidenten vorschlagen dürfte. Auch zeigen die bereits im jetzigen Kabinett vertretenen drei Wafdminister ein erstaunliches Maß an Zurückhaltung und Loyalität für den König. Ein persönliches Opfer des Königs bleibt diese Entscheidung aber doch. Er bringt es zum Besten des Landes und seiner Bewohner, die unter den Folgen des zweiten Weltkrieges und des verlorenen Palästinakrieges bitter leiden und denen das Sozialprogramm des Wafd Hilfe und Gerechtigkeit verspricht. P. H. Schulze