Die Mitteilung Attlees, daß die Wahlen in diesem Jahr nicht mehr stattfinden werden, sondern erst im Frühjahr oder Sommer 1950, war ein unerwarteter Schlag für die Wahlbereitschaft Englands. Man war bisher im allgemeinen der Meinung gewesen, es werde im Laufe der nächsten acht Wochen gewählt werden; darum war Attlees Botschaft nicht nur eine atmosphärische Störung für den Konservativen Parteitag, der als Auftakt zur Wahlkampagne gedacht war, sondern sie enttäuschte auch viele Labour-Abgeordnete. Eigentlich hatte der Wahlkampf schon vor vierzehn Tagen mit einer scharfen Kontroverse zwischen Churchill und Bevan im Unterhaus begonnen. Es scheint, daß Bevan und auch Cripps sich für einen früheren, Wahltermin eingesetzt haben, während Attlee, Bevin und Morrison – die alte Labour-Garde – die den Zeitpunkt für zu riskant hielten, sich mit ihrer Meinung durchgesetzt haben. Sie glauben, daß die Möglichkeit, ihre im Augenblick sicherlich fragwürdigen Chancen mit der Zeit zu verbessern, unbedingt wahrgenommen werden müßte, und sie hoffen, daß die Verschiebung der Wahl es ihnen ermöglichen wird, die Verfassungsvorlage über das einzuschränkende Vetorecht des Oberhauses und anschließend die Verstaatlichung der Eisen-, und Stahlindustrie noch durchzubringen.

Den Konservativen scheint der Zeitpunkt ziemlich gleichgültig. Da sie überzeugt sind, daß die Auswirkungen der Pfundabwertung der Regierung in wachsendem Maße Schwierigkeiten bereiten werden, kommt ihnen die Verzögerung des Terrains durchaus gelegen. Bereits vor dem Parteitag war das eigentliche Programm der Konservativen in einer von Butler ausgearbeiteten Zusammenfassung: „Der richtige Weg für Großbritannien veröffentlicht worden. Aus dieser Schrift geht hervor, daß die bisherige Oppositionspartei die großen sozialen Verbesserungen übernehmen und fortführen will und daß sie überhaupt grundsätzliche Änderungen nur im Hinblick auf die Befreiung der Wirtschaft von den vielen bürokratischen Fesseln anstrebt. Sie verspricht außerdem eine wesentliche Verbilligung des Staatsapparates. Gänzlich unerwartet kam Churchills Zusage, daß auch seine Partei weiterhin für Vollbeschäftigung eintreten werde, wobei sich sicherlich viele seiner Anhänger fragen werden, was man wohl tun könne, um die Theorie der Vollbeschäftigung mit, den Idealen einer liberalen Wirtschaft und dem Versprechen äußerster Sparsamkeit in Einklang zu bringen.

Im allgemeinen ist die Konservative Partei sehr carauf bedacht, möglichst wirklichkeitsnah in ihrer Propaganda zu sein, Churchill ging sogar so weit, zu sagen, daß er lieber die Wahl verlieren wolle als sie mit leeren Versprechungen gewinnen. Er appelliert noch einmal mit dem damals so erfolgreichen Kriegsruf „Blut und Tränen“ an das englische Stehvermögen, indem er seinem Volk „Schweiß und Arbeit“ für den Frieden prophezeit und immer wieder schonungslos auf die schlechte wirtschaftliche Lage Großbritanniens hinweist. Hinsichtlich der außenpolitischer Linie wurde ein Antrag von Duncan Sandys eingebracht und nach langen Diskussionen und verschiedenen Ergänzungen angenommen. Er besagte, daß der Parteitag die Schaffung des Europäischen Rates begrüße und alle praktischen Maßnahmen zur Herstellung europäischer Sicherheit unterstützen werde unter gleichzeitiger voller Wahrung der Einheit des britischen Empires, Wobei allerdings nicht zu übersehen ist, daß die Begeisterung seiner Zuhörerschaft für das Empire sehr viel spürbarer und anhaltender war als für den Begriff Europa, der den Inselbewohnern immer noch ein wenig fremd zu sein scheint. Dff.