Nun haben sie auch drüben in der Sowjetzone eine Regierung, eine volksdemokratische sogar, mit einem Volkspräsidenten und einer Volkskammer. Aber das Volk will wenig davon wissen, es ist dagegen, wenn es das auch. nicht aussprechen darf. Was hätte sich auch schon geändert mit dem Auftreten; dieser Regierung – außer daß ein paar Quislinge zu Amt und Würden gelangt sind? Die Bauern von Mecklenburg bis Thüringen, die Handwerker, Kaufleute und Angestellten in den Dörfern und Provinzen, die Arbeiter und Bürger in Leipzig, Magdeburg oder Rostock, sie alle leben weiter in Dürftigkeit und Not, ohne Hoffnung auf ausreichenden Verdienst oder gar Wohlstand, und von der Angst gepeinigt, daß nachts wieder einmal Autos vor dem Hause halten und die schweren Tritte eines Haftkommandos die Treppe heraufkommen.

Könnten wir hier im Westen in einem magischen Spiegel unser Bild von 1946 erblicken, ab-, gezehrt, grau und abgerissen, wir würden uns voller ungläubigem Erschrecken abwenden. So schnell vergißt man, wenn es einem erst besser geht, das eigene Unglück! – Um wieviel schneller aber noch das der anderen: Wenn wir uns Rechenschaft darüber geben, daß auch heute noch, mehr als vier Jahre nach Kriegsende, 17 Millionen Männer, Frauen und Kinder in diesem gleichen Zustand des Leids und der Trostlosigkeit dort drüben dahinleben, dann muß uns tief beschämen, daß wir, außer für ein paar Verwandte und Freunde, noch so gut wie nichts für die Deutschen der Sowjetzone getan haben.

Mitleid gegen das Leid, Trost gegen die Trostlosigkeit – das haben wir in der Zeit der eigenen Not in reichem Maße sogar von unseren ehemaligen Feinden in England, Südafrika und in besonders großzügiger Weise von den Amerikanern erfahren, die das hungernde Deutschland mit Paketen versorgten. Wäre nicht jetzt der Augenblick gekommen, daß nun auch jeder hier, im Westen, der wieder frei atmen und frei schaffen darf, dem Gefühl der Dankbarkeit und der Verbundenheit greifbare Gestalt gäbe, etwa in einer großen Anzahl kleiner Paketemit Lebensmitteln, Kleidern und anderen Gegenständen, die er jeden Monat für unsere Brüder jenseits des Eisernen Vorhangs mit der Liebe und dem Verständnis zusammenpackt, auf die sie ein Anrecht haben? Die SED-Funktionäre haben eine solche Aktion bereits als „demagogische Herze“ gebrandmarkt und Abwehrmaßnahmen angekündigt. Doch werden diese mißlingen, wenn die Zahl der Pakete so groß ist, daß eine politische Verfolgung der Empfänger unmöglich wird. Die Kirchen, Wohlfahrtsorganisationen und Hilfswerke der Bundesrepublik und der Berliner Westsektoren rüsten sich bereits, die Sendungen zur Weiterleitung und Verteilung entgegenzunehmen.

Mitleid-, Unterstützungs- und Trostpakete wollen wir sie nennen, MUT-Pakete. – Denn das ist ihr Sinn: daß sie den Millionen Deutschen in der Sowjetzone den Mut geben, in der Gewißheit unserer Treue durchzuhalten, bis sie wieder in Freiheit und Geborgenheit unter einem Dach mit uns leben können. C. D.