Im kühlen Norden Europas liebt man das Außergewöhnliche kaum, schon gar nicht in der Politik. Voreilig waren alle Prophezeiungen, die als Ergebnis der norwegischen Wahlen einen neuen Schritt der europäischen Abkehr vom sozialistischen Dogma voraussagten – eine Entwicklung, die als Reaktion auf den allgemeinen Linksrutsch bei Kriegsende zweifellos in den letzten Jahren in vielen Ländern deutlich wurde. Aber ebenso irrig wäre nun, da die regierende Arbeiterpartei wieder mit einer erheblich verstärkten absoluten Mehrheit im Storting Platz genommen hat, die Schlußfolgerung, daß die Wahl einem Sieg dieses Dogmas gleichkomme. In Wahrheit hat sich weder die sozialistische noch die nichtsozialistische Waagschale gesenkt. Die Sozialdemokraten haben zwar im neuen Storting 86 statt wie bisher 76 von den möglichen 150 Sitzen inne. Doch diese gewonnenen zehn Mandate stammen en bloc von den Kommunisten. Denn von den 1945 unter dem Eindruck des sowjetischen Sieges und der Befreiung der norwegischen Provinz Finnmark ins Parlament geschickten elf kommunistischen Abgeordneten hat jetzt nur einer sein Mandat behaupten können. Die bürgerlichen Parteien hingegen, die Høire, Venstre, Bauernpartei und Christliche Volkspartei haben von ihren bisherigen 63 Sitzen keinen einzigen eingebüßt; ihr Kräfteverhältnis hat sich nur untereinander etwas verschoben.

Dreierlei kann man aus Norwegens Votum lernen: Wo immer auch nur halbwegs gesunde Verhältnisse herrschen, haben die Kommunisten bei freien Wahlen in Europa augenscheinlich keine Chance mehr. Die sozialdemokratische Regierung Gerhardsen sitzt fester im Sattel denn je, ohne sich voraussichtlich deswegen in allzu gewagte sozialistische Experimente einzulassen. „Unser Sieg“, so erklärte der Ministerpräsident bereits, „wird nicht zu verschärften Sozialisierungsmaßnahmen führen.“ Die bürgerlichen Parteien endlich – und das gilt nicht nur für Norwegen; England kann vielleicht schon als nächstes Beispiel dienen – werden einzusehen haben, daß sie den Wählern ein eigenes planendes Wirtschaftsprogramm als Alternative für die sozialistische Planwirtschaft bieten müssen. Auch wenn die Zahl der Skeptiker im Wachsen ist –: Noch scheint die Idee des „Wohlfahrtsstaates“ ihre Anziehungskraft auf die breiten. Massen nicht eingebüßt zu haben.

C. J.