IVetir als dreißig Maschinen mit den Zeichen von Luftfahrtgesellschaften aus aller Herren Länder landeten in den letzten Septemberwochen täglich auf den beiden neuen Pisten des Flughafens von Dschidda. Siebentausendfünfhundert Mekka Pilger kamen noch in letzter Minute auf dem Luftwege, um am zehnten Tag des Pilgerschaftsmonats iDulhidjeh in der Heiligen Stadt Mekka zu sein. Unter ihnen waren Amine el Hussein!, der als Großmufti von Jerusalem bekannt ist, eine Moslem Delegation aus Jugoslawien und Pilger aus der Türkei und Marokko, aus Pakistan und Indonesien, New York und Kapstadt. Für 26 000 Ägypter gab es keinen Transport- und Unterbringungsraum mehr. Die einzige flugbereite Maschine der "Syrian und lateinischen Schriftzeichen an der Tragfläche, pendelt fast ununterbrochen die 1700 Kilometer zwischen Damaskus und Oschidda hin und her. Aus der Türkei, vom Euphrat und Tigris, von den Bergen des Libanon und dem Hauran kommen die frommen Pilger z um Flughafen Mezze bei Damaskus. Mit modernen Lederkoffern oder ländlichen Bündeln. Die Ärmeren mit den unvermeidlichen Primuskochern.

Amman, die Hauptstadt des haschemidischen Königsreiches Jordanien, präsentiert sich aus der Luft als gefällige P rovinzstadt mit grünen Bäumen und einigen Anlagen im sanft <abfallenden Talkessel. Ringsherum ist gelbe, graue und braune Wüste. Nach Süden hin und herüber zur schwarz silbrigen Wasserfläche des Toten Meeres heben sich immer wieder grüne Tupfen ab: die ersten Erfolge der Bewässerungsanlagen König Abdullahs.

Als die Dakota Maan überfliegt, die gegenwärtige Endstation der von Deutschen erbauten Hedschazbahn, wird der armenische Bordfunker nervös. Er empfängt einen Furukspmich aus dem Armee Kommando von Damaskus: Ein hoher Offizier meidet seiner mefckapilgernden Mutter, daß man ihr versehentlich Jod statt Augentropfen eingepackt habe. Keffieh- und tartnischtragende Männer loben den fürsorglichen Sohn. Wenig später rebelliert der im Gepäckraum untergebrachte Opferhammel eines Pilgers. (Durch Wüstenstreifen aller Faribtöne, kahle Berge, zerklüftete Schluchten und öde Hochflächen windet sich die Hedsdiazlbahn weiter aach Süden. Man erkennt zerfallene Wärterhäuschen, saödverwehte Schienen und dnirch Steinschlag beschädigte Überfüforamgen: Seit 1916 ist die Hedschazbaihn über eine Strecke von 950 Kilometer bis nach Medina unbenutzt und verlassen. Von Maan hat man später eine Zweigbahn zum Rotmeerihafen Akaba gebaut. Dreizehn Kilometer vor dem strategisch wichtigen Platz blieb auch dieses Unternehmen kn Wüstensand stecken.

Bei Janbo el ßahr, einem Ort mit hoher schartenbewehrter Mauer, Stadttoren und Türmen, von denen Kamelherden überwacht werden, geht es auf das Rote Meer hinaus. Das Wasser flimmert und zittert in der beginnenden Vormittagshitze. Aber deutlich ist eine riffige Küste erkennbar. Davor arabische Dhaus mit lateinischen Segeln und ein unförmiger und schleichender Küstendampfer. Auch sie bringen Pilger südwärts.

In sich gekehrt hocken vierundzwanzig Pilger im Flugzeug. Niemand schaut auf Wüste und Meer hinunter. Uniberechenbare Winde und Luftströmungen machen den Wüstenflug ohnehin nicht zu einem reinen Vergnügen. Ihre Gedanken mögen schon dem heiligen Mekka zugewandt sein; die Ärgerlichkeiten der Reisevorbereitungen sind wohl vergessen: Jeder mußte nachweisen, daß er schuldenfrei sei und Haus und Familie gut versorgt habe. Wer dies vorschreibt, ist diesmal der — Prophet! % Nach fast sechs Flugstunden von Damaskus taucht Dschidda, die "Tür Mekkas" auf. Moderne, mehrstöckige Häuser, ein bescheidener Hafen und ein gutes Dutzend größerer Schiffe auf offener Reede, Abseits, in freier Wüste, das Palast Karree Ibn Sauds, grellweiß und ohne Kuppeln. Davor eine Automobilkarawane. Dschidda lebt von den Mekkapilgern. Es zählt dreißigtausend Einwohner. In diesen Wochen aber sind es mehr als 120000.

Die Polizei König Ibn Sauds sieht peinlich genau auf Ordnung. Ein Europäerpaß wird fünfmal umgedreht. Einheimische und amerikanische Ärzte befassen sich mit dem Gesundheitszustand der Pilger. Fünftausend Moslems aus Indonesien mußten in der Nähe des Flugfeldes in Quarantäne gesteckt werden "Inschallah" — so Gott will — werden sie sagen, wenn sie zum Beiramfest noch nicht nach Mekka dürfen.

An den Abfahrtsstellen der Autobusse und Privattaxi nach Mekka, im Hof der Karawanserei, in der die Kamelkarawanen abgefertigt werden, wimmelt es von Ulema Schülern, die "Ungläubige" feststellen und sie von der Fahrt nach Mekka fernhalten wollen. Schon mehrmals gelang es verkleideten wissensdurstigen Orientalisten, nach Mekka und in die "Haram elCherif" Moschee hereinzukommen. Der weite weiße oder braune Mantel des Arabers, der Abbäh, und das Kopftuch der Wüstenaraber oder gar der lange schwarze Tschador der Frauen, der den Kopf und die ganze Gestalt verschleiert, machen den Ulemas die Kontrolle sehr schwer. Aber man hört von solchen, die ihren Versuch, das heilige Mekka zu betreten, mit jahrelanger Haft hinter lehmwandigen und staubigen Gefängnismauern büßten.