Von Jan Molitor

Die Philosophen haben’s uns gesagt –: dies ist die Zeit der Massen, in der trotz allem der einzelne entsetzlich einsam ist. Was aber soll der einzelne tun? Aus seiner Einsamkeit erschallt sein Ruf. Und er weiß zugleich, daß – wenn er kein Gröning ist – sein Ruf schwerlich ein Echo findet. Denn die anderen, die Menschen drunten in der Masse, haben der Rufe zu viele gehört. Sie heben nicht leicht die Köpfe, wenn irgendwo irgendeiner ruft; sie bleiben stumm und unbewegt. ‚Wie muß ich’s machen‘, so denkt der einzelne, ‚damit mein Ruf ein Echo habe?’ Und ihn verlangt wie Nietzsche nach neuen Worten ...

Ein Ehrlichkeitsversuch...

Vielleicht, wenn einer ehrlich ist, daß er dann gehört wird! Wenn er die großen, glatten Phrasen meidet! Nichts hat doch so viel Durchschlagskraft wie ein offen, ehrlich Herz! – Wohl mag die Verfasserin folgender Sätze so gedacht haben, die in der „Zeit“ im Inseratenteil zu lesen waren: „Ärztin, 25 Jahre, arm wie Kirchenmaus. Exterieur: mittelprächtig, Interieur: kratzbürstig, möchte trotzdem heiraten. Aber wer mag so eine.“ – Welch ein Schrei aus kratzbürstiger Einsamkeit! Oder sollte es sich hier um einen Fall von Tiefstapelei und besonderer Klugheit handeln? Wie oft, wenn alle sich laut mit Vorzügen brüsten, horcht man zuerst auf das bescheidene Wort! Denn spricht es nicht Bände, daß ausgerechnet Amerika, das Land der Superlative, in dieser unserer Zeit einen neuen Werbeton der Untertreibung erfunden hat? Da lasen eines Tages die erstaunten Passanten der New Yorker Straßen folgende nachmals oft kopierte Inschrift in einem Laden: „Mitbürger, wenn Sie diesen Plunder kaufen wollen, nur herein mit Ihnen!“ Und die Mitbürger traten ein und kauften. Die Tiefstapelei hatte gesiegt...

Ein Druckfehler...

Und schon sind wir mitten in einem modernen Fachgebiet: der Psychologie. Dies ist ja die Wissenschaft, die vielleicht dem Rufer aus der Einsamkeit noch am ehesten helfen kann, damit er die neuen Worte finde. Es ist aber dieselbe Wissenschaft, die den Begriff der „Fehlleistung“ erfunden hat. Beispielsweise: Man verspricht sich, und – man korrigiert sich gleich, doch... „Halt!“ ruft die Psychologie, „Fehlleistung! Darin, worin du dich versprachst, find ich dein wahres Gesicht!“ Was soll man danach zu folgendem Inserat sagen, das in der Zeitschrift namens „Heim und Welt“ erschien?: „Vielseitig interessierter Herr, 42 Jahre, elegante Erscheinung, sucht sinnesrohe und phantasiereiche Partnerin ...“ Man wird hier erwidern, daß es sich nur um einen Druckfehler handele. Und es sei nicht gut – wird man erwidern – sich in einer Zeitung über Druckfehler auszulassen, denn: „Wer selbst im Glashaus sitzt...“ Dem aber muß entgegnet werden, daß, als in den braunen Jahren eine Berliner Zeitung unter ein Bild von der nach Nürnberg zum Parteitag reisenden SA die Unterschrift gesetzt hatte „Auszug nach Narrenburg“, dies zwar ebenfalls „nur“ ein Druckfehler, aber dennoch die Wahrheit war.

Hitlers Zahnbürste...